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Vom Ausland in die Wiener Kanzlei: LL.M-Erfahrungen in Singapur und den USA

Zwei Jurist:innen, zwei Kontinente, ein gemeinsames Fazit: Ein LL.M. im Ausland erweitert nicht nur den fachlichen Horizont, sondern prägt auch die persönliche und berufliche Perspektive nachhaltig. Lukas Scheidl (NUS Singapur) und Anna Maria Talos (Berkeley) erzählen, wie internationale Ausbildung, neue Denkweisen und globale Netzwerke ihren Weg zurück in die Wiener Kanzleipraxis beeinflusst haben.

1. Was waren jeweils eure Hauptgründe, euch für ein LL.M.-Studium zu entscheiden – und warum gerade für Berkeley bzw. die National University of Singapore?

Lukas: Für mich war der LL.M. eine gute Gelegenheit, bewusst aus dem Arbeitsalltag auszubrechen und mich fachlich weiterzuentwickeln, bevor es im Berufsleben richtig ernst wird. Außerdem wollte ich meine juristische Perspektive erweitern, solange ich noch nicht in einer fixen anwaltlichen Rolle stecke. Die NUS hat mich durch ihren guten internationalen Ruf und die Möglichkeit, ein Common-Law-System kennenzulernen, überzeugt.

Anna: Meine Hauptmotivation für den LL.M. war es, meinen persönlichen und juristischen Horizont zu erweitern und internationale Kontakte zu knüpfen. Ich wollte mein europäisch geprägtes Rechtsverständnis um eine US-amerikanische Perspektive ergänzen, insbesondere im Bereich Business und Corporate Law.
Berkeley war dabei eine bewusste Wahl: Bereits 2018 hatte ich Kurse an der Summer School in Berkeley belegt und sehr positive fachliche und persönliche Erfahrungen gemacht. Das offene Mindset, das innovative Denken und die enge Verbindung von Recht, Wirtschaft und Technologie haben mich nachhaltig überzeugt. Ein zusätzlicher Faktor war auch die Möglichkeit, im Anschluss an den LL.M. zum New York Bar Exam anzutreten – eine Option, die für ausländische Jurist:innen erst durch ein LL.M.-Studium eröffnet wird.

2. Welche Überlegungen waren für die Wahl des Standorts entscheidend?

Lukas: Ich war davor noch nie in Asien (auch nicht auf Reisen) und Singapur schien wie der ideale Einstieg: sicher, englischsprachig und trotzdem kulturell ganz anders als das, was ich bis dahin kannte. Dazu kommt die großartige Lage: Für Reisen ist Singapur ein Traum, insbesondere was Südostasien betrifft. Und im Bereich der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit sowie der Finanzwelt an sich hat der Standort eine starke Bedeutung, was mich zusätzlich gereizt hat.

Anna: Neben der akademischen Reputation war der Standort ein wesentlicher Faktor. Die Nähe zum Silicon Valley mit Start-ups, Tech-Unternehmen und Venture-Capital-Strukturen ist für Jurist:innen mit wirtschaftsrechtlichem Fokus einzigartig.
Berkeley bietet zudem eine sehr campuszentrierte Atmosphäre. Ich habe bewusst in Campusnähe gewohnt, was den Austausch mit anderen Studierenden erleichtert und das „Law School Experience“-Gefühl verstärkt hat. Auch das offene, internationale Mindset und nicht zuletzt das sehr sonnige und angenehme kalifornische Wetter haben eine wichtige Rolle bei meiner Entscheidung gespielt.

3. Wie unterscheidet sich die juristische Ausbildung an der Berkeley bzw. der NUS von derjenigen in Österreich oder Europa – sowohl fachlich als auch didaktisch?

Lukas: Schon deutlich. Common Law legt viel Gewicht auf Argumentation, schriftliche Essays und Diskussionen. Dazu kommt, dass die Gruppen kleiner sind und die Betreuung viel individueller wirkt. Auch die Zahl internationaler Gastprofessor:innen ist beeindruckend – man lernt wirklich aus erster Hand, wie in anderen Rechtssystemen gedacht wird.

Anna: Die juristische Ausbildung in Berkeley unterscheidet sich deutlich von jener in Österreich oder Europa, insbesondere durch den Unterschied zwischen Common Law und Civil Law.
Didaktisch steht die aktive Mitarbeit im Vordergrund: Fallanalysen, Diskussionen im Unterricht und kontinuierliche Vorbereitung sind essenziell. Fachlich ist die Ausbildung praxisnah und interdisziplinär. Die Professor:innen sind wesentlich zugänglicher und die Klassen sind deutlich kleiner.

4. Welche Kurse oder Professor:innen haben euch besonders geprägt und warum?

Lukas: „Asian Legal Systems“ bei Gary Bell war großartig, weil er unglaublich viele Einblicke in die regional vertretenen Rechtskulturen gibt. Und Jeffrey Waincymer in „Comparative Evidence in International Arbitration“ hat mich durch seine Erfahrung und Art zu erklären sehr begeistert. Beide Kurse haben meinen Blick erweitert.

Anna: Besonders geprägt hat mich der Kurs Corporations bei Adam Badawi. Sein außergewöhnlicher Enthusiasmus für das Fach, sein tiefgehendes Wissen und seine sehr klare, interaktive Art zu unterrichten, haben den Kurs für mich besonders gemacht.

5. Wie international waren eure Programme – und welchen Einfluss hatte das auf eure Lern- und Diskussionskultur?

Lukas: Sehr international. Europäer:innen waren eher die Ausnahme – die Mehrheit kam aus China, Indien oder Südostasien. Das hat Diskussionen oft in Richtungen geöffnet, die man aus Europa nicht wirklich auf dem Radar hatte. Es war spannend zu sehen, wie unterschiedlich man an ähnliche Fragen herangehen kann.

Anna: Das LL.M.-Programm in Berkeley war sehr international, rund 75 % der Teilnehmenden kamen aus Asien. Diese Vielfalt hatte einen spürbaren Einfluss auf die Diskussionskultur. Man lernt nicht nur US-Recht, sondern entwickelt auch ein besseres Verständnis dafür, wie Jurist:innen weltweit ähnliche Fragestellungen angehen.

6. Welche Soft Skills oder Perspektiven habt ihr während eures LL.M.-Jahres gewonnen, die für eure jetzige juristische Tätigkeit besonders wertvoll sind?

Lukas: Ich habe gelernt, auch westliche Denkweisen einmal zu hinterfragen und mich auf andere Sichtweisen einzulassen. Mein (rechtliches) Englisch hat sich natürlich verbessert – einfach, weil man täglich in der Sprache argumentiert. Insgesamt bin ich offener geworden für kulturell andere Ansätze, was auch daran lag, dass ich mein Jahr für sehr viele Reisen genutzt und über zehn neue Länder kennen gelernt habe. Dadurch habe ich auch eine deutlich größere kulturelle Sensibilität im Umgang mit anderen Menschen entwickelt, weil ich unter anderem gelernt habe, unterschiedliche Kommunikations- und Erwartungsmuster bewusster wahrzunehmen.

Anna: Neben dem fachlichen Wissen habe ich vor allem den Umgang mit unterschiedlichen Kulturen in einem internationalen Umfeld gelernt. Der Austausch mit Studierenden aus aller Welt hat meinen Blick erweitert und es sind enge Freundschaften entstanden, die bis heute bestehen und meine internationale Perspektive prägen. Zudem hat es meiner persönlichen Entwicklung sehr gutgetan, ein Jahr weit weg von zu Hause zu leben und in vielen Situationen auf mich selbst gestellt zu sein.

7. Welche beruflichen Vorteile haben sich aus der Absolvierung des LL.M.-Studiums ergeben?

Lukas: Ein LL.M. erweitert das Netzwerk, wirkt sich positiv auf Lebenslauf und Glaubwürdigkeit aus und gibt einem selbst ein gutes Gefühl, (nicht nur aber auch rechtlich) breiter aufgestellt zu sein. Man merkt erst im Nachhinein, wie viele Türen dadurch aufgehen und wie dabei nicht nur Kontakte, sondern auch echte Freundschaften entstehen.

Anna: Der LL.M. in Berkeley hat mir sowohl fachlich als auch strategisch klare Vorteile gebracht. Die internationale Reputation der Universität, das globale Netzwerk und die Nähe zu wirtschaftlich relevanten Themenfeldern sind ein großer Mehrwert. Besonders wichtig war für mich auch, dass ich im Anschluss an das Studium das New York Bar Exam absolvieren konnte. Diese Qualifikation ermöglicht es mir, mich international zu positionieren und eröffnet zusätzliche Karrieremöglichkeiten.

8. Was war die größte Herausforderung während eures Aufenthalts – akademisch, sprachlich oder kulturell – und wie seid ihr damit umgegangen?

Lukas: Das Klima – definitiv. Die Kombination aus Hitze und Feuchtigkeit war am Anfang sehr gewöhnungsbedürftig. Aber irgendwann arrangiert man sich damit und plant einfach anders (z.B. weniger Sport draußen). Alles andere, insbesondere sprachlich oder kulturell, kommt von selbst.

Anna: Die größte Herausforderung war für mich das New York Bar Exam, aber auch die regulären Kurse zu Beginn des LL.M.-Studiums waren anspruchsvoll, insbesondere das hohe Arbeitspensum, umfangreiche Lektüre und das Arbeiten in einer anderen Sprache.
Das New York Bar Exam als eigenständige Zusatzqualifikation erforderte darüber hinaus eine sehr intensive Vorbereitung und war rückblickend eine prägende Erfahrung.

9. Wie sah euer typischer Alltag im LL.M. aus, und wie habt ihr Studium, Networking und Freizeit miteinander vereinbart?

Lukas: Eine Mischung aus Reisen, Lernen, Sport, und Treffen mit Freund:innen. Das Studium ist fordernd, aber Singapur (und die umliegenden Regionen) bietet auch unglaublich viele Möglichkeiten, zwischendurch abzuschalten.

Anna: Dem kann ich mich anschließen. Wir waren sehr viel in Kalifornien und den angrenzenden Bundesstaaten unterwegs und ich habe die Zeit sehr genossen.

10. Welche konkreten Tipps würdet ihr Jurist:innen geben, die überlegen, ein LL.M.-Studium in den USA oder in Asien zu beginnen?

Lukas: Überlegt euch gut, was euch im LL.M.-Jahr wichtig ist – akademisch, persönlich oder kulturell. Wenn ihr (Südost-)Asien spannend findet oder gerne einmal eine ganz andere Perspektive kennenlernen wollt, ist Singapur eine wirklich gute und bereichernde Wahl.

Anna: Man sollte sich im Vorfeld gut überlegen, was man sich von diesem Jahr erhofft und welche Erwartungen man an ein LL.M.-Studium hat. Sehr hilfreich ist es auch, vorab mit Absolvent:innen der jeweiligen Universitäten zu sprechen, um ein realistisches Bild zu bekommen.

Mag. Lukas Scheidl, LL.M.

Lukas Scheidl ist seit 2023 Teil des Dispute Resolution Teams von Binder Grösswang. Er studierte Rechtswissenschaften an der Universität Wien (Mag. iur. 2021) und der University of Kent. 2019/20 nahm er erfolgreich am Willem C. Vis International Commercial Arbitration Moot teil. Im Juni 2025 erlangte er seinen postgradualen Abschluss (LL.M.) an der National University of Singapore. Während und nach seinem Studium sammelte er internationale Arbeitserfahrung im Zuge von Praktika im In- und Ausland und absolvierte die Gerichtspraxis im Sprengel des OLG Wien.

Mag.a Anna Maria Talos, LL.M.

Anna Maria Talos studierte Rechtswissenschaften an der Universität Wien (Mag.iur.) und an der Universität Stockholm und erlangte 2024 ihren postgradualen Abschluss (LL.M.) an der University of California, Berkeley. Während ihres Studiums sammelte sie juristische Arbeitserfahrung im Inland und im Ausland in Deutschland, England, Schweiz und Belgien. Vor ihrem Eintritt bei Binder Grösswang im Jahr 2024 absolvierte Anna Maria Talos die Gerichtspraxis im Sprengel des OLG Wien.