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Vom Aktenstudium in den Gerichtssaal - Verhandlungstipps für junge Strafverteidigerinnen

Was an der Universität nicht gelehrt wird, ist im Gerichtssaal oft entscheidend: souveränes Auftreten trotz Nervosität. Von der richtigen Aktenvorbereitung bis zum Umgang mit unerwarteten Wendungen – dieser Beitrag gibt jungen Strafverteidigerinnen praktische Tipps für ihre ersten Verhandlungen. Denn Verhandlungsroutine entsteht mit der Erfahrung.

Es gibt Dinge, die werden nicht an der Universität gelehrt, in der Praxis aber schnell erwartet. Dazu zählt – allen voran – das Verhandeln, welches man sich hauptsächlich durch learning by doing aneignet. Die anfängliche Herausforderung besteht darin, trotz Nervosität die eigene fachliche Kompetenz mit souveränem Auftreten zu verbinden. Nach meinen eigenen Verhandlungserfahrungen vor den Strafgerichten haben sich ein paar Tipps herauskristallisiert, die ich jungen Strafverteidigerinnen gerne mitgeben möchte:

Aktenkenntnis:

Gerade bei anfänglicher Nervosität kann mit einem einfachen Trick gepunktet werden, der nichts mit jahrelanger Verhandlungserfahrung zu tun hat: Aktenkenntnis.

Eine gute Vorbereitung gibt nicht nur enorm viel Sicherheit, sondern wirkt auch nach außen. Als junge Strafverteidigerin ist es eine gute Möglichkeit, fehlende jahrelange Routine durch sorgfältige Vorbereitung auszugleichen.

Dabei sollte man sich vor der Verhandlung einen klaren Plan machen:

Was möchte ich in meinem Eröffnungs- und Schlussplädoyer betonen?

Was hat mein Mandant in seiner Einvernahme vor der Polizei ausgesagt?

Was haben die Zeugen vor der Polizei angegeben?

Wo finden sich Widersprüche?

Welche Fragen möchte ich jedenfalls meinem Mandanten und den Zeugen stellen?

Gibt es Beweismittel, die für die Verteidigungsstrategie relevant sind, und sind daher Beweisanträge zu stellen?

Auch der Mandant braucht Vorbereitung:

Der Mandant erlebt die Hauptverhandlung völlig anders als die Verteidigerin. Er ist nicht nur persönlich und emotional betroffen, sondern für ihn geht es möglicherweise um seine Freiheit oder seine Existenz. Demzufolge können auch Nervosität und Erwartungen entsprechend groß sein.

Bereits im Vorhinein sollte besprochen werden, was der Mandant mit der Verhandlung überhaupt erreichen will: ein Freispruch, eine diversionelle Erledigung oder ein möglichst mildes Urteil. Bei den Erfolgsaussichten ist allerdings Vorsicht geboten. Wir sind schließlich Juristinnen und keine Hellseherinnen. Eine seriöse Einschätzung der Beweislage ist selbstverständlich notwendig, ein bestimmtes Ergebnis kann aber nicht versprochen werden.

Zudem sollte der Mandant nicht erst am Verhandlungstag mit der Realität des Gerichtssaals konfrontiert werden. Aus diesem Grund empfehle ich zur Vorbereitung der Hauptverhandlung, die Prozesssituation mit dem Mandanten – quasi als Generalprobe – durchzuspielen. Dabei ist dem Mandanten insbesondere zu erklären, wo er sitzt, wie die Verhandlung abläuft und wann der Mandant selbst sprechen soll. Darüber hinaus kann seine Befragung als Frage-Antwort-Spiel geübt werden.

Auch scheinbare Kleinigkeiten sind wichtig, wie Pünktlichkeit, angemessene Kleidung und höfliches Auftreten (darunter bspw auch das Aufstehen bei Urteilsverkündung).

Ebenso sollte man die Erwartungen an den Ablauf einer Hauptverhandlung zurechtrücken: Ein Strafprozess läuft in Österreich nicht wie im Film ab. Es wird nicht bei jeder Gelegenheit von der Verteidigerin dramatisch „Einspruch, Euer Ehren!“ gerufen. Eine realistische Vorstellung vom Ablauf nimmt viel Nervosität und schafft Vertrauen.

Trotz Plan flexibel bleiben:

Gleichzeitig sollte man sich nicht zu sehr an einen vorher festgelegten Ablauf klammern. Eine unerwartete Aussage eines Zeugen kann die gesamte weitere Verhandlung verändern. Entscheidend ist daher auch, spontan reagieren und improvisieren zu können.

Zusammengefasst möchte ich daher jungen Strafverteidigerinnen mitgeben: Vorbereitung der Verhandlung ist essenziell, gerade wenn man anfänglich sehr nervös ist. Niemand wird als routinierte Strafverteidigerin geboren. Erfahrung entsteht durch die Anzahl der Verhandlungen, die man tatsächlich selbst geführt hat. Irgendwann kommt dann der Moment, in dem man den Gerichtssaal betritt, den Akt aufschlägt und weiß, was zu tun ist. Und genau dann beginnt es, richtig Spaß zu machen.

Denise Hlosta, LL.M.

Denise Hlosta ist seit 2023 Rechtsanwaltsanwärterin bei Haslinger / Nagele Rechtsanwälte in Linz. Ihr Tätigkeitsschwerpunkt liegt dabei im Bereich des Strafrechts.