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Uns wurde versprochen, dass sich harte Arbeit auszahlt. Was, wenn das nicht mehr stimmt?

Schon einmal von der „Great Millennial Career Crisis“ gehört? Wahrscheinlich schon. Sicherheitshalber trotzdem ein kurzer Exkurs.
Die „Millennial Career Crisis“ beschreibt das Gefühl vieler Menschen zwischen Anfang 30 und Mitte 40, beruflich zwar viel erreicht zu haben, sich aber trotzdem orientierungslos, erschöpft oder unzufrieden zu fühlen. Viele Millennials sind mit der Vorstellung aufgewachsen, dass harte Arbeit automatisch zu Erfolg und Erfüllung führt und stellen im Laufe der Karriere fest, dass Beruf, Selbstverwirklichung und Work-Life-Balance oft schwer miteinander vereinbar sind. Hinzu kommen wirtschaftlicher Druck, ständige Erreichbarkeit und die Frage, ob der eingeschlagene Weg wirklich der richtige ist.

Kurz gesagt: Millenials (und auch den Zillennials, zu denen ich mich selbst dazu zähle) wurde vermittelt, dass man sich nur genug anstrengen müsse, um ein erfülltes und sicheres Leben zu führen. Wer lernt, arbeitet und Leistung bringt, wird belohnt. So lautete das Versprechen.

Doch in kaum einer Branche prallen Anspruch und Realität so heftig aufeinander wie in der Rechtsbranche.

Juristinnen wurde jahrzehntelang erzählt: Wenn ihr dieses anspruchsvolle Studium absolviert, praktische Erfahrung im In- und Ausland sammelt, euch durch den langen Ausbildungsweg kämpft, auf Freizeit verzichtet und fachliche Exzellenz entwickelt, dann erwartet euch ein sicherer, überdurchschnittlich gut bezahlter und gesellschaftlich angesehener Beruf.

Dieses Versprechen aus Geld, Status und Erfolg hat viele dazu gebracht, die harten Jahre auf sich zu nehmen. Nur: Es wird heute immer seltener eingelöst. Meine Generation und die Generation davor haben sich auf dieses Spiel eingelassen und erleben nun, dass sich die Regeln mitten im Spiel geändert haben.

Besonders sichtbar wird das beim Thema Gehalt. Jahrzehntelang gehörte die juristische Ausbildung zu den sichersten Wegen in die obere Mittelschicht. Hohe Einstiegsgehälter kompensierten die langen Arbeitszeiten und die fehlende Work-Life-Balance. Das finanzielle Argument war stark genug, um Menschen nicht nur für die Branche zu begeistern, sondern sie auch langfristig dort zu halten. Heute funktioniert dieses Modell nicht mehr.

Dafür gibt es viele Gründe – von Inflation bis hin zu strukturellen Veränderungen am Arbeitsmarkt.

Zwei Entwicklungen stechen jedoch besonders hervor: Andere Branchen haben aufgeholt.
Das durchschnittliche Einstiegsgehalt in der österreichischen Rechtsbranche liegt bei rund 3.900 Euro brutto pro Monat. Das durchschnittliche Einstiegsgehalt von Akademikerinnen in Österreich liegt bei etwa 3.680 Euro brutto. Der Abstand ist also deutlich kleiner geworden.
Natürlich könnte man argumentieren: „Das sind nur Einstiegsgehälter. Später verdient man als Juristin deutlich mehr.“ Das stimmt – zumindest teilweise.

Denn mit wachsender Erfahrung steigen die Gehälter in fast allen Branchen. Die wirklich außergewöhnlichen Einkommen in der Rechtsbranche erreichen heute nur noch wenige an der absoluten Spitze. Gleichzeitig ist der Weg dorthin länger, unsicherer und anspruchsvoller geworden als noch vor zwanzig Jahren.

Doch das eigentliche Problem geht weit über das Geld hinaus. Das Versprechen des Aufstiegs hat sich verändert. Früher funktionierte die Karriereleiter nach einem einfachen Prinzip: Wer jahrelang hart arbeitete, erreichte irgendwann die Spitze – und konnte sich anschließend ein Stück weit zurücklehnen. Führung bedeutete häufig Delegation, Kontrolle und Status.

Diese Welt existiert nicht mehr. Heute gilt „Lead by Example“. Fachliche Kompetenz allein reicht längst nicht mehr aus. Wer aufsteigen will, muss gleichzeitig sichtbar sein, Netzwerke pflegen, Mandate akquirieren, Innovation vorantreiben, Teams motivieren und Führungskompetenz beweisen. Zwischen Berufseinstieg und Spitze liegen oft mehr als zehn hochintensive Jahre. Und wer die Spitze erreicht, wird nicht mit weniger Arbeit belohnt, sondern mit noch mehr Verantwortung, noch mehr Druck und noch höheren Erwartungen.
Genau darin liegt die eigentliche Great Millennial Career Crisis der Rechtsbranche: Das alte Versprechen gilt nicht mehr die Opfer aber schon.

Natürlich kann man über diese Entwicklung nicht sprechen, ohne auch künstliche Intelligenz zu erwähnen.
Über Jahrzehnte wurden Juristinnen für ihr exklusives Wissen bezahlt. Heute ist ein großer Teil dieses Wissens dank KI binnen Sekunden verfügbar. Die eigentliche Währung der Zukunft wird deshalb nicht mehr ausschließlich Expertise sein, sondern Urteilsvermögen, strategisches Denken und zwischenmenschliche Kompetenz (also all die Kompetenzen, die wir im Studium nicht lernen…). Doch das ist eine eigene Kolumne wert.

Welche Folgen wird die Great Millennial Career Crisis für die Rechtsbranche haben?

Talentverlust.
Wenn hochqualifizierte Juristinnen trotz jahrelanger Leistung keine Perspektive erkennen, verlieren sie nicht nur Motivation – sie verlassen die Branche. Fachwissen kann man nachlernen, Begeisterung deutlich schwerer zurückgewinnen.

Das traditionelle Belohnungsmodell zerfällt.
Die Vorstellung, jahrelang auf Lebensqualität zu verzichten, um irgendwann mit Status und Partnerschaft belohnt zu werden, überzeugt immer weniger junge Menschen. Die Prioritäten haben sich verschoben. Einkommen bleibt wichtig, aber Autonomie, psychische Gesundheit, Flexibilität und sinnstiftende Arbeit sind für Millennials und die Generation Z oft entscheidender.

Führung muss neu gedacht werden.
Das klassische Modell aus Hierarchie und Gehorsam funktioniert nicht mehr. Wenn Geld allein nicht mehr bindet, müssen Führungskräfte Orientierung, Sinn und echte Vorbilder bieten.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob sich die Rechtsbranche verändern wird. Sie verändert sich bereits.
Die eigentliche Frage lautet: Werden die Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger diesen Wandel rechtzeitig erkennen oder werden sie erst reagieren, wenn die besten Talente längst gegangen sind und sie die Konsequenzen selbst spüren.

Wie nimmst du die Great Millenial Career Crisis wahr?

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Dora

Dora Bertrandt

Dora ist die Gründerin der Paragraphinnen und prägt mit ihrer Arbeit Formate wie Events, Podcasts und Mentoring-Programme. Wenn sie nicht gerade neue Impulse für die Paragraphinnen setzt, ist sie als Head of Business Development bei DORDA Rechtsanwälte tätig. Dora hat Jus an der Universität Wien studiert. Sie wurde mit dem Justitia Award ausgezeichnet und zählt zu den 35 unter 35 Frauen des Brigitte-Bierlein-Frauenpreises.