Wie wird man als österreichische Juristin Konzipientin in Liechtenstein? Julia Hoser erzählt in ihrem Beitrag von ihrem Weg von Wien nach Vaduz, den Besonderheiten der liechtensteinischen Anwaltsausbildung und warum sich der Schritt aus der eigenen Komfortzone fachlich wie persönlich gelohnt hat.
Mein Name ist Julia Hoser und ich bin Konzipientin bei Schwärzler Rechtsanwälte in Vaduz. Doch wie landet man eigentlich als österreichische Juristin in einer Kanzlei im Fürstentum Liechtenstein?
Der Weg dorthin begann ehrlicherweise ohne großen Masterplan. Nach der Matura in Oberösterreich wusste ich, dass ich in Wien Rechtswissenschaften studieren möchte, nicht aber, wohin mich das später beruflich führen würde. Nach der Gerichtspraxis in Wien begann ich als Konzipientin bei Wolf Theiss in der Praxisgruppe Employment Law ebenfalls in Wien. Dort lernte ich den Kanzleialltag aus nächster Nähe kennen: Recherchen, Schriftsätze, enge Fristen und ein Arbeitsalltag, der selten langweilig wird.
Anfang 2024 ergab sich eine neue berufliche Möglichkeit. Ich wechselte als Juristin zur Liechtensteinischen Landesverwaltung, genauer zur Stabsstelle EWR, die sich mit den rechtlichen Belangen des Europäischen Wirtschaftsraums befasst, dessen Mitglied Liechtenstein ist. Damit zog ich, zugegeben mit einem wehmütigen Herzen, von Wien nach Liechtenstein. Der Kontrast hätte größer kaum sein können: Statt hippen Cafés und spontanen After-Work-Drinks plötzlich ein Land mit rund 40’000 Einwohnern, eingebettet zwischen Vorarlberg und der Schweiz. Statt Cocktailbars standen nun eher After-Work-Wandertouren auf dem Programm.
Doch nach etwa einem Jahr bei der Liechtensteinischen Landesverwaltung drängte sich eine Frage immer stärker auf: Warum nicht doch die Rechtsanwaltsprüfung machen? Der Gedanke, Rechtsanwältin zu werden, hatte mich schon lange begleitet. Ich war bereits Konzipientin und wusste, worauf ich mich einlasse. Also warum nicht noch einmal – diesmal in Liechtenstein.
Aus dieser Überlegung heraus ist meine Liste unter dem Motto «Mein Weg zur Konzipientin in Liechtenstein» entstanden – und damit zugleich meine persönliche Antwort auf «How to Konzi in Liechtenstein?».
First Things First – Der Weg zur Rechtsanwaltsprüfung: Wer in Liechtenstein Rechtsanwältin oder Rechtsanwalt werden will, braucht zunächst ein abgeschlossenes Jusstudium. Da es in Liechtenstein selbst kein entsprechendes Studium gibt, wird dieses in der Regel in Österreich oder der Schweiz absolviert. Danach folgt die Praxis: Zwei Jahre juristische Tätigkeit nach dem Studium sind erforderlich, davon mindestens zwölf Monate in einer liechtensteinischen Anwaltskanzlei. Die restliche Zeit kann flexibel gestaltet werden, etwa bei Gericht, in einem Unternehmen oder auch im Ausland. Anschließend steht die Rechtsanwaltsprüfung an: Vier schriftliche Klausuren in Staats-, Zivil-, Straf- und Verwaltungsrecht sowie eine mündliche Prüfung über das gesamte Rechtsspektrum. Wer diese Hürde nimmt, ist in Liechtenstein Rechtsanwältin oder Rechtsanwalt. Zudem besteht grundsätzlich die Möglichkeit, sich in Österreich als europäische Rechtsanwältin bzw. europäischer Rechtsanwalt gemäß §§ 9 ff EIRAG eintragen zu lassen oder eine Eignungsprüfung nach § 24ff EIRAG abzulegen, um anschließend auch in Österreich tätig zu sein.
Zum Vergleich: In Österreich setzt die Zulassung zur Rechtsanwaltsprüfung ebenfalls ein abgeschlossenes Jusstudium sowie mindestens drei Jahre Praxis voraus, davon zumindest sieben Monate bei Gericht oder der Staatsanwaltschaft. Zur Rechtsanwältin oder zum Rechtsanwalt wird man dort allerdings erst nach bestandener Prüfung und insgesamt fünf Jahren praktischer Tätigkeit. Der Weg ist in Liechtenstein damit vergleichsweise kurz, geht aber auch früh mit entsprechend viel Verantwortung einher.
Mit österreichischem Jusstudium in Liechtenstein arbeiten: Kein Problem. Ein großer Teil des liechtensteinischen Rechts basiert auf österreichischen Rezeptionsgrundlagen, etwa das ABGB im Zivilrecht oder das österreichische StGB als Vorlage für das liechtensteinische Pendant. Dazu kommen Einflüsse aus dem Schweizer Recht und europäische Regelungen durch die EWR-Mitgliedschaft. Wer das juristische Handwerkszeug beherrscht, findet sich deshalb auch mit ausländischen Materialien sowie den Feinheiten des liechtensteinischen Rechts gut zurecht.
Die Kanzleilandschaft: Sie reicht vom Einzelanwalt bis zur größeren Wirtschaftskanzlei, wobei selbst größere Einheiten naturgemäß kleiner sind als in Wien. Inhaltlich liegt ein starker Fokus auf Wirtschafts-, Gesellschafts- und Stiftungsrecht. Gleichzeitig habe ich den Eindruck gewonnen, dass man hier als Konzipientin oft breiter arbeitet als in großen Wiener «Spezialkanzleien». Neben primär wirtschaftsrechtlichen Themen tauchen auch klassisches Zivilrecht, Familienrecht oder Strafrecht im Alltag auf – eine Breite, die gerade im Hinblick auf die Rechtsanwaltsprüfung durchaus hilfreich sein kann.
Die richtige Kanzlei: Die zentrale Frage ist dieselbe wie überall: Welche Struktur passt zu mir? Größere Kanzlei oder kleinere Einheit, Spezialisierung oder breiteres Tätigkeitsfeld? In Liechtenstein lohnt sich meiner Meinung nach zusätzlich ein Blick auf die Teamstruktur. Manche Kanzleien «rekrutieren» stärker lokal, andere beschäftigen viele österreichische Juristinnen und Juristen. Für mich persönlich war außerdem wichtig, nicht die einzige Konzipientin in der Kanzlei zu sein. Liechtenstein ist klein, viele Menschen pendeln täglich aus Vorarlberg oder der Schweiz ein. Spontane After-Work-Treffen ergeben sich daher seltener als in einer Großstadt. Kolleginnen und Kollegen in derselben Lebensphase zu haben, hat mir nach meinem Wegzug aus Wien einiges erleichtert. So sind auch viele neue Freundschaften entstanden.
Arbeitsalltag: Intensive Arbeit gehört zum Rechtsanwaltsberuf, egal ob in Wien oder in Liechtenstein. Der Unterschied liegt meiner Erfahrung nach eher im Rhythmus. In Wien begann mein Arbeitstag meist gegen neun Uhr, in Liechtenstein starten viele Kanzleien früher, oft zwischen halb acht und acht Uhr. Mein Arbeitstag endet in Liechtenstein in der Regel gegen 18:00 Uhr und 19:00 Uhr, in Wien endete er etwas später. Natürlich gibt es, unabhängig vom Standort, Phasen mit intensiven Fristen oder dringenden Abgaben, in denen es später werden kann. Gleichzeitig habe ich, sowohl in Liechtenstein als auch in Wien, beobachtet, dass an ruhigeren Tagen durchaus auch ein pünktlicher Feierabend möglich ist.
Gehalt und Lebenshaltungskosten: Es ist kein Geheimnis, dass Konzipienten in Liechtenstein meist mehr verdienen als in Österreich. Gleichzeitig sind die Lebenshaltungskosten deutlich höher. Je nachdem, ob man in Liechtenstein selbst, im angrenzenden Vorarlberg oder in der Schweiz wohnt, können auch steuerliche Fragen eine Rolle spielen. Trotzdem sollte das Gehalt nicht der einzige Grund für einen Wechsel sein. Für mich persönlich war der Umzug eine große Veränderung und oft auch ein Schritt aus der eigenen Komfortzone – eine Entscheidung, die ich nicht allein aus finanziellen Gründen treffen würde.
Die Konzipientenzeit in Liechtenstein unterscheidet sich von der in Österreich weniger, als man vermuten würde. Der Weg zur Rechtsanwaltsprüfung ist kürzer, zugleich übernimmt man früh Verantwortung und arbeitet an anspruchsvollen, oft internationalen Mandaten.
Wer diesen Schritt in Betracht zieht, sollte sich von anfänglichen Unsicherheiten nicht bremsen lassen und auch abseits der Arbeit hat die Region viel zu bieten: Die Berge liegen direkt vor der Tür, Zürich ist rasch erreichbar, und selbst Wien ist nicht aus der Welt.
Am Ende lohnt es sich, dem eigenen Weg mit etwas Mut zu folgen. Die letzten Monate bei Schwärzler Rechtsanwälte haben mich fachlich wie persönlich deutlich vorangebracht. Auf diese Erfahrung möchte ich nicht verzichten und bin ich sehr dankbar dafür.
Mag. iur. Julia Hoser, LL.M., ist Rechtsanwaltsanwärterin bei Schwärzler Rechtsanwälte in Vaduz, Liechtenstein. Sie studierte Rechtswissenschaften an der Universität Wien und schloss ihr Studium 2021 ab.
Im Jahr 2025 schloss sie zudem einen LL.M. in European and International Business Law an der Universität Wien ab. Während ihres Studiums sammelte sie internationale Erfahrung, unter anderem im Rahmen eines Auslandssemesters an der Hague University of Applied Sciences (Niederlande).
Ihre juristische Berufslaufbahn begann Julia Hoser 2022 mit der Gerichtspraxis am Oberlandesgericht Wien. Anschließend war sie von 2022 bis 2023 als Rechtsanwaltsanwärterin bei Wolf Theiss Rechtsanwälte in Wien tätig. Von 2024 bis 2025 arbeitete sie zunächst als juristische Mitarbeiterin und später als Legal Officer in der Stabsstelle EWR der liechtensteinischen Landesverwaltung. Seit 2025 ist sie als Rechtsanwaltsanwärterin bei Schwärzler Rechtsanwälte tätig.
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