Wer sich mit Legal Tech beschäftigt, landet schnell bei Produktnamen: dieses Recherche-Tool, jene KI, diese Kanzleisoftware. Das ist naheliegend, greift aber oft zu kurz. Denn kein Tool macht aus einer Studentin oder einem Berufseinsteiger automatisch eine effizientere Juristin. Entscheidend ist, welche Kompetenzen man mitbringt, um mit diesen Tools sinnvoll zu arbeiten. Software wird ausgetauscht, Anbieter verschwinden oder kommen hinzu. Gute Recherche, sorgfältiger Umgang mit Daten und ein Blick für sinnvolle Arbeitsabläufe bleiben dagegen immer relevant.
1. Digitale Grundkompetenz: wissen, wo und wie man sucht
Die juristische Recherche findet heute zu einem großen Teil digital statt. Wer die vorhandenen Systeme gut kennt, kann dabei viel Zeit sparen. Dazu gehört nicht nur zu wissen, dass es das Rechtsinformationssystem des Bundes (RIS) oder Datenbanken wie die RDB von MANZ und Lindeonline gibt. Man muss auch wissen, wie man sie effizient bedient: mit welchen Operatoren sich eine Suche präzisieren lässt, welche Filter sinnvoll sind und wie sich Treffer eingrenzen und sortieren lassen. Wer diese Fertigkeiten schon im Studium übt, sucht später in der Kanzlei nicht mehr zwanzig Minuten nach einer Fundstelle, die sich in zwei Minuten finden lässt. Es ist eine Fähigkeit, die man einmal lernt und danach ein ganzes Berufsleben lang nutzt.
2. Kritisches Prüfen von KI-Ergebnissen
Generative KI-Modelle wie Claude oder ChatGPT können in Sekunden einen Urteilsüberblick liefern, Gesetzesstellen gegenüberstellen oder einen ersten Entwurf für einen Schriftsatz oder eine Seminararbeit schreiben. Das kann bei vielen Aufgaben hilfreich sein. Gleichzeitig darf man sich auf die Ausgabe eines solchen Systems nicht einfach verlassen. Die eigentliche Kompetenz liegt nämlich nicht darin, ein Tool bedienen zu können, sondern darin, seinen Ergebnissen mit der richtigen Distanz zu begegnen.
Ein KI-Modell kann selbstbewusst Dinge behaupten, die schlicht falsch sind. Wer damit arbeitet, sollte deshalb jede Quellenangabe nachvollziehen, jede zentrale Aussage verifizieren und nie ungeprüft übernehmen, was am Bildschirm steht.
3. Datenschutz- und Vertraulichkeitsbewusstsein
Im juristischen Arbeitsalltag stellt sich immer wieder die Frage, welche Informationen in welches System eingegeben werden dürfen. Vertrauliche Mandatsinformationen gehören nicht einfach in ein öffentlich zugängliches KI-System. Auch bei Cloud-Diensten und Kanzleisoftware wie ADVOKAT oder jurXPERT sollte man wissen, wie mit den dort verarbeiteten Daten umgegangen wird. Diese Kompetenz muss man sich nicht durch technisches Detailwissen aneignen, sondern durch ein Grundverständnis für Verschwiegenheitspflicht und Datenschutz und die Bereitschaft, bei jedem neuen Tool kurz nachzudenken, bevor man sensible Informationen einträgt.
4. Prozessdenken: Abläufe hinterfragen statt nur abarbeiten
Der Nutzen eines digitalen Werkzeugs hängt häufig davon ab, wie ein Arbeitsablauf davor und danach aussieht. Ein Beispiel ist die Dokumentenautomatisierung: Standardverträge, Vollmachten oder Schriftsatzvorlagen können über Fragebögen erstellt werden, anstatt jedes Dokument von Grund auf neu zu bearbeiten. Damit das funktioniert, muss man den Ablauf zunächst verstehen. Welche Angaben werden tatsächlich benötigt? Welche Textbausteine wiederholen sich? Welche Arbeitsschritte könnten entfallen oder zusammengelegt werden?
Genau hier beginnt Prozessdenken. Es geht darum, bestehende Abläufe nicht einfach zu übernehmen, sondern gelegentlich zu prüfen, ob sie noch sinnvoll sind. Das ist auch dann hilfreich, wenn später eine andere Software eingesetzt wird.
5. Organisation im digitalen Team- und Wissensmanagement
Juristische Arbeit ist selten eine reine Einzelarbeit. Das gilt für die Lerngruppe bei der Diplomprüfung ebenso wie für die Literaturrecherche zu einer Seminararbeit oder die Bearbeitung eines größeren Mandats im Kanzleiteam. Wer Literatur und Judikatur mit Programmen wie Zotero oder Citavi systematisch verwaltet und Zitate sauber erstellt, spart sich später viel unnötige Arbeit. Dasselbe gilt für die gemeinsame Arbeit an Dokumenten: In Microsoft Teams oder SharePoint muss klar sein, welche Version aktuell ist, wo Anmerkungen hingehören und wie Änderungen nachvollziehbar bleiben. Es geht darum, Informationen und Zusammenarbeit so zu organisieren, dass sie auch dann übersichtlich bleiben, wenn mehrere Personen daran arbeiten.
6. Lernbereitschaft: die eigentliche Meta-Kompetenz
Die vielleicht wichtigste Fähigkeit lässt sich nicht an einem einzelnen Tool festmachen. Es ist die Bereitschaft, sich immer wieder auf Neues einzulassen. Die Softwarelandschaft in Kanzleien verändert sich laufend, KI-Modelle entwickeln sich in Monaten weiter, wofür früher Jahre nötig waren. Wer im Studium schon übt, sich in ein neues Tool selbstständig einzuarbeiten, ausprobieren, Fehler machen und nachfragen, tut sich später in der Kanzlei deutlich leichter, wenn wieder ein neues System eingeführt wird. Diese Offenheit ist am Ende wertvoller als das Wissen um ein bestimmtes Produkt.
Fazit
Bei Legal Tech ist deshalb die Frage „welches Tool nutze ich?“ ist meistens die falsche erste Frage. Wichtiger ist: Kann ich effizient recherchieren, KI-Ergebnisse kritisch einordnen, verantwortungsvoll mit sensiblen Daten umgehen, Abläufe hinterfragen, mich in einem Team organisieren und mich laufend weiterentwickeln? Wer diese Kompetenzen mitbringt, findet sich in praktisch jedem Tool zurecht – unabhängig davon, welche Software gerade aktuell ist. Die Technik ändert sich, die Grundfähigkeiten bleiben. Genau deshalb lohnt es sich, schon jetzt an ihnen zu arbeiten, ganz gleich, ob man noch im Hörsaal sitzt oder schon in der Kanzlei.
Mag. Clemens Handl, LL.M., ist Rechtsanwalt und Partner bei CHG Czernich Rechtsanwälte in Innsbruck und leitet dort die Praxisgruppe data & technology. Er berät Unternehmen zu Künstlicher Intelligenz, IT-Recht, Datenschutz, Cybersecurity und digitalen Geschäftsmodellen.
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