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KI hat mich nicht entlastet. Sie hat mich effizienter erschöpft.

Als Gründerin eines der größten juristischen Frauennetzwerke im DACH-Raum beschäftige ich mich täglich mit Zukunftsthemen. Digitalisierung. Führung. Innovation (siehe auch unser Paragraphinnen Leitslogan). Und seit einigen Jahren natürlich auch mit künstlicher Intelligenz.

Ich war von Anfang an begeistert. Vielleicht liegt das daran, dass ich schon immer technikaffin war (auch wenn man mir das mit meinem permanenten Notizblock in der Hand nicht unbedingt ansieht). Ich habe KI nie als Bedrohung verstanden, sondern als Chance. Als Werkzeug, das endlich das leisten könnte, worauf wir alle seit Jahren in der Rechtsbranche hoffen: Entlastung und work-life harmony.
Natürlich wollten wir das Potenzial bei uns im Paragraphinnen-Team gleich nutzen. Gemeinsam haben wir Prozesse analysiert, Automatisierungspotenziale gesucht und unzählige Workflows entwickelt. Wir haben Prompts geschrieben, Playbooks erstellt, wieder verworfen und neu aufgebaut.

Der Gedanke war denkbar einfach und nicht unbekannt: Wenn KI repetitive Aufgaben übernimmt, bleibt mehr Zeit für das Wesentliche. Mehr Zeit für Strategie. Für Kreativität. Für Führung. Vielleicht sogar für mein Privatleben…

Ich habe mich geirrt. Denn was kaum jemand erzählt: KI macht vieles schneller. Aber genau darin liegt ihre größte Gefahr.
Zumindest für Menschen, die ohnehin dazu neigen, ihre Leistungsgrenze ständig neu zu definieren. Wer fühlt sich damit eingesprochen? Hmmm.. Juristinnen natürlich.

Wenn eine Aufgabe plötzlich nicht mehr zwei Stunden dauert, sondern zwanzig Minuten, entsteht nicht automatisch Freizeit. Es entsteht Platz. Und diesen Platz füllen High Performer zuverlässig mit neuen Aufgaben. Noch ein Kapitel beim Lernplan. Eine Aufgabe noch. Eine kurze E-Mail an das Team.

Genau das ist mir passiert.

Irgendwann bemerkte ich, dass ich immer weniger delegierte. Nicht, weil mein Team nicht kompetent gewesen wäre – ganz im Gegenteil. Sondern weil die KI jederzeit verfügbar war (und ich gerne meine erste Work-Session in den frühen morgen Stunden erledige). Gerade in einem remote arbeitenden Team ist sie oft schneller erreichbar als jeder Mensch.

Ein Konzept? Schreibe ich schnell selbst. Eine Zusammenfassung? Dauert zwei Minuten. Ein erster Vertragsentwurf? Sofort erledigt. Ein Brainstorming? KI liefert innerhalb von Sekunden Ideen. Alles ging schneller. Also machte ich immer mehr selbst.

Plötzlich war ich operative Mitarbeiterin meiner eigenen Organisation ohne es bewusst zu merken. Nach außen sah das nach Produktivitätsgewinn aus. Innerlich passierte etwas völlig anderes. Meine eigene Erwartungshaltung an mich selbst aber auch an mein Team verschob sich. Was gestern ein voller Arbeitstag war, wurde heute zur To-do-Liste bis Mittag. Was früher ein Erfolg war, erschien plötzlich selbstverständlich. Und obwohl ich objektiv produktiver wurde, hatte ich subjektiv immer öfter das Gefühl, allem hinterherzulaufen. KI hatte meine Arbeit und meinen inneren Takt beschleunigt.

Über viele Risiken künstlicher Intelligenz wird derzeit (absolut berechtigt) intensiv diskutiert. Datenschutz. Urheberrecht. Halluzinationen. Bias. All das ist wichtig.

Worüber wir deutlich seltener sprechen, ist der psychologische Effekt dieser Technologie auf Menschen, die ohnehin leistungsorientiert arbeiten. Gerade wir Juristinnen und Juristen gehören zu dieser Gruppe. Unser Beruf belohnt Effizienz. Wir lernen früh, komplexe Probleme rasch zu lösen, höchste Qualität unter Zeitdruck zu liefern und immer noch eine Akte mehr zu schaffen. In Kanzleien werden billable Hours gemessen, in Unternehmen Deadlines, in der Justiz Verfahrensdauern. Produktivität, Effizienz und Profesionalität sind Teil unserer beruflichen Identität.

KI verstärkt genau dieses System. Wenn wir dieselbe Qualität in kürzerer Zeit erreichen, nutzen wir den gewonnenen Freiraum selten für Erholung, sondern wir erhöhen schlicht unser Pensum. Noch schwieriger wird es in Führungspositionen. Die meisten (modernen und zukunftsgerichteten) Führungskräfte wollen ihre Teams schützen. Niemand möchte, dass junge Mitarbeiterinnen dieselben Belastungen erleben, die man selbst erfahren hat. Also übernimmt man “nur schnell” noch eine Aufgabe selbst. Den ersten Entwurf. Die Präsentation. Die Recherche. Den Vertrag. Schließlich dauert es mit KI nur wenige Minuten. Noch schwieriger haben es wir, Frauen. Studien zeigen, dass Frauen häufiger zusätzliche Aufgaben übernehmen und größere Schwierigkeiten haben, Grenzen zu setzen oder Unterstützung einzufordern.
Als leistungsorientierte Frau, Juristin und Führungskraft musste ich mir eingestehen, dass KI mir nicht nur geholfen hat, effizienter zu arbeiten sondern auch dabei, meine eigenen Grenzen immer effizienter zu überschreiten.

Heute versuche ich, künstliche Intelligenz bewusster einzusetzen. Nicht, um noch mehr zu schaffen, sondern um bewusster zu entscheiden, was überhaupt geschafft werden muss. Und vor allem dort Grenzen zu ziehen, wo früher nur die nächste Aufgabe gewartet hat.
Vielleicht ist genau das die wichtigste und zugleich unerwartetste Lektion, die mir künstliche Intelligenz bisher beigebracht hat.


Welchen Einfluss hat KI auf deinen Alltag? Erzähl es mir spätestens beim nächsten Paragraphinnen Event im Herbst, denn derzeit haben wir Sommerpause.

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Dora Bertrandt

Dora ist die Gründerin der Paragraphinnen und prägt mit ihrer Arbeit Formate wie Events, Podcasts und Mentoring-Programme. Wenn sie nicht gerade neue Impulse für die Paragraphinnen setzt, ist sie als Head of Business Development bei DORDA Rechtsanwälte tätig. Dora hat Jus an der Universität Wien studiert. Sie wurde mit dem Justitia Award ausgezeichnet und zählt zu den 35 unter 35 Frauen des Brigitte-Bierlein-Frauenpreises.