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Kanzlei und Kids: Wie geht das? Ein Erfahrungsbericht zur Vereinbarkeit von Familie und Anwaltsberuf

Der Anwaltsberuf eilt seinem Ruf oft voraus: lange Arbeitszeiten, ständige Erreichbarkeit und eingeschränkte Flexibilität. Da fragen sich viele, wie sich der Beruf als Anwältin überhaupt mit einem aktiven Familienleben vereinbaren lässt. Als Rechtsanwältin und Mama einer Tochter im Kleinkindalter kenne ich diese Bedenken gut. Um es direkt vorwegzunehmen: Es ist ein fordernder Berufsalltag, aber er ist machbar und bereichernd. 

Mein Alltag ist eine ziemliche Kontrastveranstaltung – und genau das finde ich gut. Während meiner Zeit in der Kanzlei stehen anspruchsvolle Mandate und komplexe M&A-Transaktionen im Fokus, ansonsten die Familienzeit und Spielplatzbesuche. Das Leben mit Kind ist eine wunderbare Abwechslung zum fordernden Kanzleialltag. Aber seien wir ehrlich: Es ist auch anstrengend. Es erfordert viel Organisation und Koordination, damit sowohl die Akten als auch das Familienleben nicht zu kurz kommen. Hier sind meine Top 5 Tipps für den Spagat zwischen Kanzlei und Spielplatz.

1. Das „Dorf“ aufbauen und nutzen 

Niemand schafft das alleine. Essenziell ist ein stabiles, verlässliches Betreuungsnetzwerk: Unsere Tochter geht in den Kindergarten und eine zuverlässige Babysitterin unterstützt uns regelmäßig. Ergänzend teilen mein Partner und ich uns die Care-Arbeit zu Hause gleichberechtigt auf. Dieses starke Fundament ist die Grundvoraussetzung, um im Beruf den Kopf frei zu haben.

2. Flexibilität im Arbeitsalltag 

Vieles lässt sich im Leben mit einem kleinen Kind nicht immer planen. Für ungeplante Situationen wie plötzliche Krankheiten, Schließtage im Kindergarten oder die spontane Absage der Babysitterin braucht man ein flexibles Mindset und – für mich noch viel wichtiger – ein flexibles Arbeitsumfeld. Die Möglichkeit, remote zu arbeiten, rettet mir oft den Tag, sei es bei einem kranken Kind oder einfach, um Wegzeiten effizienter zu nutzen.

3. Klare Rahmenbedingungen

Transparenz ist alles. Die Basis meiner Tätigkeit bei fwp ist eine klare Teilzeitvereinbarung. Es ist wichtig, von Anfang an transparente Absprachen mit der Kanzlei zu treffen. Wann bin ich erreichbar? Wann übernehme ich die Nachmittagsbetreuung? Wenn die Fronten und die Erwartungshaltungen geklärt sind, sinkt der Stresspegel enorm.

4. Die Abwechslung als Stärke sehen

Anstrengend und fordernd? Ja, definitiv! Aber die Kanzlei und das Leben mit Kindern bereichern sich auch gegenseitig. Wenn ich nach dem fordernden Kanzleialltag Zeit mit meiner Tochter verbringe, rückt der M&A-Deal in den Hintergrund. Diese mentale Pause macht mich fokussierter und effizienter, wenn ich am nächsten Morgen wieder in die Akten eintauche.

5. Den eigenen Weg gehen und neue Wege sichtbar machen

Obwohl der Frauenanteil in der Anwaltschaft steigt, gibt es im Vergleich zu den Jus-Absolventinnen nach wie vor viel Potenzial nach oben. Umso wichtiger ist es, dass in der Praxis neue, individuelle Spielregeln gestaltet werden. Viele Kanzleien bieten mittlerweile innovative Modelle an – wie etwa maßgeschneiderte Teilzeitlösungen. Indem die Vereinbarkeit von anspruchsvollen Mandaten und Familie aktiv gelebt wird, erhöht sich die Sichtbarkeit von Frauen in der Branche. Das zeigt der nächsten Generation an Juristinnen, was alles möglich ist.

Mein Fazit: Der Weg als Anwältin mit Kind erfordert gute Organisation, ein verlässliches Netzwerk und eine Kanzlei, die moderne und flexible Arbeitsweisen unterstützt. Aber es ist machbar, es bereichert und es lohnt sich!

MMag. Helene Rohrauer

MMag. Helene Rohrauer absolvierte im Jahr 2014 erfolgreich das Studium der Rechtswissenschaften. Außerdem studierte sie Kunstgeschichte. Nach dem Abschluss der Gerichtspraxis im Sprengel des Oberlandesgerichtes Wien sammelte sie erste Erfahrung als Rechtsanwaltsanwärterin in einer renommierten Wirtschaftskanzlei. Seit 2018 ist sie bei Fellner Wratzfeld & Partner (fwp) im Bereich Corporate/M&A tätig – seit ihrer Eintragung im Jahr 2021 als Rechtsanwältin. Sie ist Mutter einer Tochter.