Vom öffentlichen Dienst in die Kanzlei – und mitten hinein in Fragen der Familienplanung: Die Juristin erzählt offen, warum Karriere und Kinderwunsch kein Widerspruch sein müssen. Ein ehrliches Interview über Timing, Flexibilität und den Mut, den eigenen Weg zu gehen.
1. Du hast fast 10 Jahre im öffentlichen Dienst gearbeitet, unter anderem im Umwelt- und Tourismusministerium, bevor du 2020 in die Rechtsanwaltskanzlei gewechselt bist. Inwiefern hat dieser Wechsel deine Überlegungen zur Familienplanung beeinflusst?
Ich habe die Entscheidung, vom öffentlichen Dienst in die Privatwirtschaft zu wechseln, unabhängig von meiner Familienplanung getroffen. Zum einen war für mich zum damaligen Zeitpunkt die Familienplanung noch kein Thema, mein Fokus war auf meiner beruflichen Karriere. Zum anderen lässt sich Familienplanung bekanntermaßen nicht immer so umsetzen wie geplant, daher stand für mich fest, dass mich ein möglicher Kinderwunsch nicht von einer beruflichen Weiterentwicklungsmöglichkeit abhalten sollte.
2. Die Konzipientinnenzeit gilt als sehr fordernd – sowohl inhaltlich als auch was die Arbeitszeiten betrifft. Wie erlebst du persönlich die Vereinbarkeit dieser Ausbildungsphase mit privaten Lebensentwürfen wie etwa einem Kinderwunsch?
Ich stehe am Ende meiner Ausbildungsphase. Ich habe sowohl die RAP als auch die für die Eintragungsfähigkeit erforderlichen Weiterbildungskurse größtenteils schon vor meiner Karenz absolviert. Dadurch ist meine aktuelle (verbleibende) Ausbildungsphase gut vereinbar mit meinem Familienleben. Die ohnehin schon intensive RAP-Vorbereitung stelle ich mir mit Kind sehr herausfordernd vor und auch der Besuch von (mehrtätigen) Ganztagesausbildungsseminaren ist mit Kind schwieriger zu organisieren.
Daher kann ich das Timing, so wie bei mir, empfehlen, doch auch wenn der Wunsch nach einem Kind schon früher da ist, sollte man dem jedenfalls nachgehen. Mit der richtigen Einstellung ist alles schaffbar. Und auch die beruflichen Rahmenbedingungen lassen sich in der Regel anpassen, wenn es dann so weit ist (zB in Form von Teilzeit oder Home-Office Möglichkeiten).
3. Hattest du den Eindruck, dass deine Entscheidung, nach vielen Jahren im öffentlichen Dienst noch eine Konzipientinnenstelle anzutreten, in Bezug auf Familienplanung hinterfragt wurde – sei es von Kolleginnen oder aus dem privaten Umfeld?
Nein, weder von ehemaligen Kolleginnen noch aus dem privaten Umfeld, aber selbst wenn, hätte mich das langfristig nicht von meiner Entscheidung zu Wechseln abgehalten. Die Reaktionen aus meinem Umfeld waren sehr positiv und bestärkend, die mich bei dem Schritt die eigene Komfortzone zu verlassen und als Konzipientin quasi von neu zu beginnen, unterstützt haben.
4. Wie wird bei Haslinger Nagele mit dem Thema Familienplanung bzw. Mutterschaft umgegangen? Gibt es Raum für offene Gespräche oder sogar strukturelle Unterstützung? (zB Home-office, Teilzeitmodelle etc.)
Ja, auf jeden Fall, sowohl Teilzeit als auch Home-office ist möglich. Der Umgang ist sehr offen und entgegenkommend. Wacht das Kind morgens mit Fieber auf und kann nicht in den Kindergarten, begegnet man dieser Situation mit Verständnis und gewährt die nötige Flexibilität im Arbeitsalltag.
5. Im Vergleich zum öffentlichen Dienst: Erlebst du Unterschiede, was die Rahmenbedingungen oder Erwartungen an Frauen in Bezug auf Karriere und Familienplanung betrifft?
Im Hinblick auf die Rahmenbedingungen (Teilzeit, Home-office) empfinde ich bei meinem Arbeitgeber Haslinger Nagele keine Unterschiede im Vergleich zum öffentlichen Dienst und dafür bin ich sehr dankbar.
Gefühlsmäßig spricht man im öffentlichen Dienst offener über die Familienplanung, dafür sind aber auch die Karriereerwartungen geringer, da die Möglichkeiten dafür beschränkter sind – hat man einen gewissen Ausbildungsgrad erreicht, kann man in der Regel nicht automisch in der Organisationsstruktur aufsteigen, sondern muss erst abwarten, bis eine gewisse Leitungsposition frei wird, für die man sich dann bewerben kann.
6. Welche Herausforderungen siehst du insbesondere für Juristinnen, die während oder kurz nach der Konzipientinnenzeit dem Kinderwunsch nachgehen möchten – sowohl was die Ausbildung als auch die Partnerschaftsmodelle in Kanzleien betrifft?
Gerade zu Beginn der Mutterschaft ist eine gewisse Flexibilität in der Arbeitsgestaltung und Zeiteinteilung hilfreich. Konzipientinnen müssen sich in der Regel an zeitliche Vorgaben halten und zur Verfügung stehen, wenn sie gebraucht werden. Als Rechtsanwältin bzw Partnerin einer Kanzlei betreut man schon seine eigenen Mandanten und kann sich daher die Arbeit freier einteilen. Je höher die Position, desto größer aber auch die Verantwortung und die Erwartung im Hinblick auf den Umsatz, wodurch natürlich Arbeitsaufwand und Druck steigen. Neben der Kindererziehung – die für sich allein schon herausfordernd und intensiv ist – bedarf es zusätzlich Energie und Ausdauer, um auch den beruflichen Erwartungen gerecht zu werden.
7. Gerade hochqualifizierte Juristinnen sehen sich oft mit der Erwartung konfrontiert, entweder „alles“ zu leisten – oder klare Prioritäten zu setzen. Hast du in deinem bisherigen Berufsweg jemals das Gefühl gehabt, dich zwischen beruflicher Exzellenz und privater Lebensplanung entscheiden zu müssen?
Ich denke, dass private Lebensplanung und berufliche Exzellenz einander nicht ausschließen. Aber natürlich, mit Kind muss man gewisse berufliche Abstriche machen, da man vor allem zeitlich gebunden ist. Möchte man bewusst Zeit mit dem Kind verbringen, geht das auf Kosten der Zeit, in der man sonst an seinem beruflichen Weiterkommen arbeiten würde. Das habe ich selbst auch schon erlebt, aber für mich in Kauf genommen.
8. In deiner Karriere hattest du Einblicke in nationale wie europäische Institutionen, Ministerien und nun auch in eine Wirtschaftskanzlei. Welche strukturellen Maßnahmen oder Kulturen würdest du dir wünschen, um es besonders Konzipientinnen leichter zu machen, Beruf und Familie gleichzeitig zu leben – und nicht nacheinander?
Wünschenswert wäre ein Arbeitsumfeld, in dem offen und ehrlich über Familienplanung geredet werden kann. Kinderwunsch sollte nicht etwas sein, worüber man am Arbeitsplatz nicht spricht. Darüber hinaus sollten Kinder die Karrieremöglichkeiten nicht schmälern; auch nicht Vollzeit arbeitenden Frauen sollten aufsteigen und Leitungsfunktionen übernehmen können. Grundvoraussetzung dafür sind familienfreundliche Arbeitsmodelle, die es ermöglichen Beruf und Familie gleichzeitig zu leben. Dabei können insbesondere die skandinavischen Länder als Vorbild dienen, in denen dem Familienleben auch im beruflichen Kontext ein hoher Stellenwert eingeräumt und entsprechend Rücksicht drauf genommen wird.
9. Abschließend: Was würdest du jungen Konzipientinnen und Juristinnen mit auf den Weg geben, die sich unsicher sind, ob und in in welcher Phase ihrer Karriere sie den Schritt in Richtung Familiengründung wagen können?
Ich würde empfehlen, den Schritt in Richtung Familiengründung dann zu machen, wenn es sich für einen persönlich am besten anfühlt. Man sollte seinen Herzenswünschen nachgehen und sich nicht von beruflichen Umständen – die sich in der Regel adaptieren lassen – davon abhalten lassen. Vor allem sollte man sich nicht so viele Gedanken machen, was andere darüber denken oder dazu sagen (werden). Ohne Druck und mit einer gewissen Leichtigkeit an die Sache herangehen.
Eine gewisse (Voraus-)Planung im Hinblick auf den Karriereweg ist sicher sinnvoll, doch sollte man sich auf den Plan nicht versteifen, sondern offen sein und stets darauf vertrauen, dass alles so kommt, wie es kommen soll.
Reka Krasznai studierte Jus an der Universität Wien und an der Université de Genève (Schweiz), absolvierte im Anschluss daran die Gerichtspaxis im Sprengel des Oberlandesgerichts Wien und arbeitete dann für neun Jahre im öffentlichen Dienst: zunächst acht Jahre im Umweltministerium, in der Abteilung für Abfall- und Altlastenrecht, dann für eineinhalb Jahre im Tourismusministerium, in der Abteilung für Tourismuspolitik. Im Rahmen ihrer Grundausbildung für den Bundesdienst war Reka Krasznai sechs Monate bei der Europäischen Kommission in Brüssel tätig. Neben ihrer Tätigkeit im Ministerium hat Reka Krasznai ihre mit dem Österreichischen Umwelt- und Technikrechtspreis 2019 ausgezeichnete Dissertation zum Abfallbegriff und zum Ende der Abfalleigenschaft verfasst.
Seit November 2020 ist Reka Krasznai als Rechtsanwaltsanwärterin bei Haslinger / Nagele tätig. Neben ihrer Publikations- und Vortragstätigkeit im Umweltrecht ist sie auch als Lektorin an der FH Campus Wien tätig.
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