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Mut zum nächsten Schritt - „Wie ist das eigentlich, das erste Mal Chefin zu sein?“

Der Schritt in die eigene Kanzlei verlangt nicht nur juristisches Können, sondern auch Mut, unternehmerisches Denken und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Wie sich dieser Weg wirklich anfühlt, welche Erwartungen heute an junge Juristinnen gestellt werden und welche Learnings dahinterstecken, erfährst du von Marlene Helml.

Der Schritt in die Selbstständigkeit gehört zu den größten Entscheidungen im juristischen Berufsleben. Eine eigene Kanzlei zu gründen bedeutet nicht nur fachliche Verantwortung zu übernehmen, sondern auch unternehmerische Entscheidungen zu treffen – und irgendwann vielleicht auch Arbeitgeberin zu werden.

Dr. Marlene Helml hat diesen Schritt gewagt. Wie fühlt es sich an, plötzlich selbst Chefin zu sein? Welche Erwartungen hat sie an junge Juristinnen – und was hätte sie sich selbst früher gewünscht?

Eine studentische Mitarbeiterin hat nachgefragt.

  • Der Weg zur eigenen Kanzlei – Der Schritt zur Arbeitgeberin ist für viele Anwältinnen ein großer. Wie war dein Entscheidungsprozess?

Der Wunsch nach Selbstständigkeit war bei mir eigentlich schon früh da. Ich wollte selbst entscheiden können, in welche Richtung sich meine Kanzlei entwickelt, welche Schwerpunkte ich setze und wie ich mit meinen Klienten arbeite.

Den perfekten Zeitpunkt für diesen Schritt gibt es allerdings nicht. Viel hängt von den persönlichen Lebensumständen ab. Bei mir spielte insbesondere die Familienplanung eine Rolle. Wichtig ist auf jeden Fall, dass ein solcher Schritt mit dem Partner und der Familie gut abgestimmt ist – und dass man sich der finanziellen Aspekte bewusst ist. Eine Kanzleigründung bedeutet immer auch Kosten und ein gewisses Risiko.

Am Anfang habe ich bewusst allein gestartet. Dadurch lernt man jeden Bereich kennen: von der juristischen Arbeit über die Aktenverwaltung bis zur Buchhaltung. Irgendwann kommt aber der Punkt, an dem man merkt, dass das Arbeitspensum zu groß wird. Dann muss man lernen, Aufgaben abzugeben und sich Unterstützung zu holen, etwa die Buchhaltung, IT-Themen, etc auszulagern.

Wenn die Kanzlei wächst, stellt sich irgendwann auch die Frage nach Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Die erste Anstellung ist etwas ganz Besonderes. Man überlegt lange, ob und wann der richtige Zeitpunkt dafür ist. Rückblickend bin ich sehr froh, dass ich diesen Schritt gewagt habe – und dass ich mit meiner studentischen Mitarbeiterin eine große Unterstützung gefunden habe.

  • Vom Lernen und Arbeiten im Studium – Du hast selbst während deines Studiums gearbeitet. Wie waren deine Erfahrungen damals?

Meine Erfahrungen waren insgesamt sehr positiv. Was mir allerdings besonders in Erinnerung geblieben ist: Man wird oft relativ schnell ins kalte Wasser geworfen. Das kann durchaus etwas Gutes haben, weil man dadurch Selbstständigkeit lernt.

Trotzdem hätte ich mir manchmal gewünscht, etwas mehr Transparenz zu bekommen – etwa darüber, warum bestimmte Aufgaben so erledigt werden oder wie ein größerer Zusammenhang aussieht. Gerade am Anfang hilft es sehr, wenn man schrittweise an neue Aufgaben herangeführt wird.

  • Der Einstieg in die Kanzlei: Was sollten junge Juristinnen mitbringen? Was würdest du Studentinnen raten, die gerne in einer Kanzlei arbeiten möchten?

Der erste Eindruck beginnt bereits bei der Bewerbung. Eine Bewerbung sollte ordentlich, höflich und strukturiert sein. Auch Pünktlichkeit beim Vorstellungsgespräch ist selbstverständlich.

Neben dem Lebenslauf spielt für mich aber auch das Bauchgefühl eine Rolle: Ist mein Gegenüber authentisch? Wirkt die Person neugierig und interessiert? Wer in einer Kanzlei arbeitet, sollte aufmerksam sein und Dinge kritisch hinterfragen.

Aktuell kommt es in der Praxis gehäuft vor, dass einfach ein KI-generierter Text abgegeben wird, sei es bei Uniaufgaben oder auch bereits von Konzipienten. KI kann natürlich eine hilfreiche Unterstützung sein – aber der Inhalt muss unbedingt kritisch geprüft werden. Genau darin liegt ja die juristische Arbeit. Wenn ein Text ungeprüft übernommen wird, brauche ich keine juristische Mitarbeiterin.

Was das Vorwissen betrifft: Bei studentischen Mitarbeiterinnen erwarte ich zu Beginn des Studiums noch kein umfangreiches Fachwissen. Viel wichtiger ist die Bereitschaft zu lernen – auch über das Lehrbuchwissen hinaus. Wie geht jemand mit Aufgaben um, die zunächst unklar sind? Wird nachgefragt? Wird lösungsorientiert gedacht?

Ich habe lieber eine Mitarbeiterin, die einmal mehr nachfragt, als jemanden, der mir eine halbherzige KI-Antwort liefert.

  • Lieber tausendmal nachfragen – oder einfach ausprobieren?

Grundsätzlich finde ich es wichtig, zuerst selbst nachzudenken und mögliche Lösungen zu überlegen. Eigeninitiative gehört einfach dazu.

Wenn man aber merkt, dass man nicht weiterkommt, sollte man unbedingt nachfragen. Gerade am Anfang ist das völlig normal.

  • Schnelligkeit oder Genauigkeit? Was ist im Kanzleialltag wichtiger?

Im Idealfall natürlich beides. Aber der juristische Berufsalltag verlangt auch die Fähigkeit, situationsabhängig zu entscheiden.

Unser Job ist stark von Fristen geprägt. Deshalb muss die Aktenführung sehr genau sein – Fristen müssen korrekt eingetragen und eingehalten werden. Gleichzeitig geht es oft darum, Prioritäten zu setzen: Was muss sofort erledigt werden, was kann noch warten?

Im Zweifel sollte man lieber einmal mehr nachfragen.

Und ganz wichtig: In Drucksituationen nicht den Kopf verlieren, sondern versuchen, das Beste aus der Situation herauszuholen.

Spätestens im Studium oder bei der Rechtsanwaltsprüfung lernt man außerdem etwas sehr Wichtiges: den „Mut zur Lücke“. Man kann nie alles wissen. Entscheidend ist eine gute Vorbereitung – und die Fähigkeit, flexibel zu bleiben.

  • Wie schwer fällt es dir, Verantwortung abzugeben?

Am Anfang gar nicht so leicht. Wenn man eine Kanzlei gründet, ist man es gewohnt, alles selbst zu machen. Irgendwann merkt man aber, dass das langfristig nicht funktioniert.

Verantwortung abzugeben bedeutet auch Vertrauen zu haben. Gleichzeitig muss man lernen, klare Strukturen zu schaffen und Aufgaben sinnvoll zu delegieren. Das ist ein Prozess – und auch eine wichtige Entwicklung als Arbeitgeberin.

  • Welche Werte soll deine Kanzlei verkörpern?

Mir ist ein wertschätzender Umgang sehr wichtig – sowohl gegenüber meinen Mitarbeiterinnen als auch gegenüber den Klientinnen und Klienten.

In vielen Köpfen besteht oft noch das klassisch verstaubte Bild der Anwaltskanzlei. Die junge Generation zeigt jedoch einen deutlichen Wandel in dieser Branche. Für mich steht eine lösungsorientierte und umfassende Beratung im Vordergrund. Das bedeutet auch, proaktiv für meine Klientinnen und Klienten mitzudenken und rasche Rückmeldungen zu geben.

Diese Haltung wünsche ich mir auch von meinen Mitarbeiterinnen. Am Ende prägt das gesamte Team die Kultur einer Kanzlei.

Eine Frage zum Schluss

Was würdest du deinem jüngeren Ich heute raten?

Lass dich nicht einschüchtern. Jeder hat einmal angefangen, und niemand kann alles wissen.

Trau dich nachzufragen, sammle möglichst früh praktische Erfahrungen und lass dich nicht verunsichern, wenn jemand eine andere juristische Meinung hat.

Und vielleicht der wichtigste Rat: Vernetze dich und vertraue auf dich selbst.

Dr. Marlene Helml, MSc

Dr. Marlene Helml, MSc ist selbständige Rechtsanwältin in Linz, Aufsichtsrätin und Unternehmerin. Ihre fachlichen Schwerpunkte liegen im Bereich Arbeits- und Vertragsrecht.

Nach ihren Studien der Rechtswissenschaften (Mag. iur., 2010) und der Betriebswirtschaftslehre (MSc, 2014) an der Karl-Franzens-Universität Graz sammelte sie Berufserfahrung in namhaften Linzer Wirtschaftskanzleien sowie als Konzernjuristin in einem internationalen Unternehmen. 2019 absolvierte sie zusätzlich die Ausbildung zur geprüften Personalverrechnerin mit Auszeichnung.

Als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Verwaltungsrecht und Verwaltungslehre der Johannes Kepler Universität Linz vertiefte sie ihre Expertise, wo sie auch ihr Doktoratsstudium der Rechtswissenschaften abschloss. Neben ihrer anwaltlichen Tätigkeit ist sie Mitverfasserin juristischer Fachpublikationen und hält regelmäßig Vorträge sowie Inhouse-Seminare und Onlinekurse.

Darüber hinaus engagiert sie sich für die Förderung junger Juristinnen, mehr Sichtbarkeit von Frauen in der Rechtsbranche sowie für die Vereinbarkeit von Karriere und Familie.