AIAIAI… Wenn Technologie das juristische Spielfeld neu ordnet
Vor wenigen Tagen hat das KI-Unternehmen Anthropic die Studie “Labor Market Impacts of AI” veröffentlicht. Sie untersucht, wie generative KI bereits heute in der Arbeitswelt eingesetzt wird und welche Auswirkungen sie auf unterschiedliche Berufe haben könnte. Im Zentrum steht eine zentrale Frage: Ersetzt KI menschliche Arbeit oder unterstützt sie diese?
Die Studie unterscheidet zwischen zwei Effekten: Automation, also der vollständigen Übernahme von Aufgaben durch Technologie, und Augmentation, bei der KI Menschen bei ihrer Arbeit unterstützt und produktiver macht.
Es überrascht wenig, dass der juristische Sektor zu den Branchen mit dem größten KI-Potenzial zählt. Laut Studie könnte KI 70 bis 90 Prozent bestimmter juristischer Aufgaben unterstützen – von Drafting und Due Diligence über Recherche bis hin zur Vorbereitung von Strategien und Dokumenten-Reviews. Noch ist vieles davon Zukunftsmusik: Der tatsächliche Einsatz solcher Tools liegt derzeit eher bei 20 bis 30 Prozent.
Die gute Nachricht: Effizienz und Produktivität steigen. Viele Juristinnen und Juristen berichten bereits heute, dass sie sich durch KI-Unterstützung stärker auf das konzentrieren können, was ihren Beruf eigentlich ausmacht: komplexe Sachverhalte analysieren, strategische Lösungen entwickeln und Mandanten beraten. Auch das viel zitierte Thema Work-Life-Balance könnte durch effizientere Arbeitsprozesse profitieren.
Doch es gibt auch Aspekte, die zum Nachdenken anregen.
Wenn plötzlich alle am Papier perfekt sind
Künstliche Intelligenz hat das Spielfeld geebnet. Mit einer guten Anwendung kann heute nahezu jede Person ein stilistisch einwandfreies Dokument erstellen, überzeugende Präsentationen bauen oder Texte in mehreren Sprachen formulieren.
Was früher ein klarer Professionalitätsbeweis war – sprachliche Präzision, Struktur und Formulierungskompetenz – ist durch KI deutlich breiter verfügbar geworden. Auf dem Papier sehen plötzlich alle sehr gut aus.
Mandanten wissen das natürlich auch. Und genau deshalb könnte etwas anderes künftig stärker in den Vordergrund treten: persönliche Beziehung, Vertrauen und Soft Skills.
Denn letztlich zahlt niemand ein juristisches Honorar, nur um ein KI-generiertes Ergebnis präsentiert zu bekommen. Mandanten bezahlen für Einordnung, Erfahrung, strategisches Denken und für Menschen, denen sie vertrauen.
Das Paradoxe daran: Gerade in den letzten Jahren haben wir uns beruflich immer stärker in eine digitale Welt zurückgezogen. Meetings wurden zu Videocalls, Austausch zu Chatnachrichten, und häufig galt das Motto: Inhaltliche Arbeit geht vor Beziehungspflege.
Vielleicht zwingt uns die KI nun genau dazu, diese Balance wieder neu zu entdecken.
Besonders betroffen: Juniorarbeit und Ausbildung
Eine Entwicklung bereitet mir allerdings besonders Kopfzerbrechen: die Zukunft der juristischen Ausbildung.
Immer häufiger höre ich in Gesprächen den Satz:
„Das gebe ich lieber in die KI – das Ergebnis ist besser als das meines Junior-RAA.“
Puh.
Wenn ich an meine ersten juristischen Jobs zurückdenke, bestanden meine Aufgaben vor allem aus Recherche, Drafts bereinigen oder Dokumente schwärzen. Genau jene Tätigkeiten also, von denen Studien heute ausgehen, dass sie zu bis zu 88 Prozent automatisierbar sind.
Und trotzdem waren genau diese Aufgaben entscheidend. Man lernte Genauigkeit. Man lernte, juristische Texte verständlich zu formulieren. Man entwickelte ein Gefühl für Struktur und Argumentation.
Wenn ich heute meine damaligen Ausbildungsanwältinnen und -anwälte fragen würde, wie hoch die Qualität meiner Arbeit am Anfang war, würden sie vermutlich schmunzeln.
Doch genau dort beginnt der Lernprozess.
Wenn diese Aufgaben künftig effizienter von KI erledigt werden: Wie sieht dann die juristische Ausbildung der Zukunft aus?
Wenn die Pyramide der Kanzleien ins Wanken gerät
Noch eine größere Frage stellt sich für Organisationen insgesamt. Die meisten Kanzleien folgen seit Jahrzehnten einem ähnlichen Modell: Senior-Partner akquirieren Mandate und tragen Verantwortung. Die nächste Führungsebene leitet Teams und verantwortet die inhaltliche Arbeit. Junior-Juristen übernehmen Recherche, Vorbereitung und erste Entwürfe alles in der Hoffnung, irgendwann aufzusteigen.
Doch was passiert, wenn genau diese vorbereitende Arbeit zunehmend von KI übernommen wird?
Die klassische Kanzleipyramide könnte ins Wanken geraten. Wenn weniger Juniorarbeit benötigt wird, entstehen weniger Einstiegspositionen. Gleichzeitig fehlt langfristig genau jene Generation, die später Führungsverantwortung übernehmen soll.
Kurzfristig könnte sich daher eine Entwicklung abzeichnen, die bereits in ersten Ansätzen sichtbar ist:
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Teams werden kleiner
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Einstiegspositionen werden weniger
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Effizienz steigt – aber der Wettbewerb um Talent auch
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Soft Skills und unternehmerisches Denken gewinnen massiv an Bedeutung.
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Künstliche Intelligenz wird die juristische Arbeit zweifellos effizienter machen. Sie wird Prozesse beschleunigen, Kosten senken und den Zugang zu Wissen erleichtern.
Doch die eigentliche Herausforderung liegt nicht in der Technologie selbst.
Sie liegt darin, wie Organisationen, Kanzleien und Ausbildungssysteme darauf reagieren.
Wer heute nur über Effizienzgewinne spricht, greift zu kurz. Die entscheidende Frage lautet:
Wie bilden wir die nächste Generation von Juristinnen und Juristen aus, wenn der klassische Lernpfad zunehmend verschwindet?
Denn eines ist klar:
KI wird vieles verändern.
Aber sie wird keine Partnerschaften aufbauen, keine Mandantenbeziehungen pflegen und keine Kanzleien führen.
Das werden weiterhin Menschen tun müssen.
Die spannende Frage ist nur: Wer wird diese Menschen künftig ausbilden – und wie?
Wie glaubst du wird die KI die Rechtsbranche prägen? Erzähle es mir beim nächsten Paragraphinnen Event.
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Dora
Dora Bertrandt
Dora ist die Gründerin der Paragraphinnen und prägt mit ihrer Arbeit Formate wie Events, Podcasts und Mentoring-Programme. Wenn sie nicht gerade neue Impulse für die Paragraphinnen setzt, ist sie als Head of Business Development bei DORDA Rechtsanwälte tätig. Dora hat Jus an der Universität Wien studiert. Sie wurde mit dem Justitia Award ausgezeichnet und zählt zu den 35 unter 35 Frauen des Brigitte-Bierlein-Frauenpreises.