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Interview mit Mag. Tanja Nöbauer-Buchrucker, LL.M.

Vom Gerichtssaal zum Coaching: Mag. Tanja Nöbauer-Buchrucker, LL.M. über den Mut zum Neustart und die Kraft mentaler Stärke im juristischen Alltag.
Ein Gespräch über Druck, Wendepunkte und warum die Kommunikation der wahre Karriere-Booster ist.

  1. Wie würden Sie Ihren beruflichen Werdegang als Rechtsanwältin in wenigen Sätzen beschreiben? Gibt es Situationen, die Sie besonders geprägt haben?

Nach der Gerichtspraxis war ich über 14 Jahre als Rechtsanwaltsanwärterin, Off Counsel und Rechtsanwältin in renommierten Kanzleien tätig. Ich habe viel verhandelt, mit sehr unterschiedlichen MandantInnen gearbeitet und bewusst viele verschiedene Rechtsgebiete kennengelernt. 

Am prägendsten war für mich der anwaltliche Alltag an sich: permanenter Zeit- und Fristendruck, hoher Mental Load, schwierige Gesprächssituationen, Konflikte und die ständige Angst, Fehler zu machen. Obwohl ich fachlich immer top war — unter Top 10 meines Studienjahrgangs, Anwaltsprüfung mit sehr gutem Erfolg — habe ich mich oft schlecht gefühlt.

Was mir gefehlt hat, waren Werkzeuge, um mit Stress, Selbstzweifeln und Belastungen souverän umzugehen.

  1. Zur Emeritierung: Was waren die wichtigsten Überlegungen, die zu Ihrer Emeritierung geführt haben? Was haben Sie im Übergang von der juristischen Tätigkeit in einen neuen Lebensabschnitt bewusst losgelassen?

Ich habe mich kurz vor der Geburt meiner ersten Tochter als Rechtsanwältin austragen lassen. Damals war ich in einer sehr kleinen Kanzlei angestellt und wollte nach der Karenz nur rund 20 Stunden arbeiten. In dieser Konstellation waren die anfallenden Kammer- und Pensionsbeiträge wirtschaftlich kaum tragbar. Daher war der logische Schritt die Austragung und als Off Counsel weiterzuarbeiten.

Mit der Zeit wurde mir immer klarer: Ich mache „das“ nicht mein Leben lang, egal ob als Anwältin oder Juristin. Das permanente Problemdenken, die hohen Anforderungen und gleichzeitig die Verantwortung als Mama führten immer mehr zu dem Gefühl, keiner Rolle wirklich gerecht zu werden.

Erst als mich eine Corona-Infektion mehrere Monate körperlich und in Folge auch psychisch aus der Bahn geworfen hat, habe ich meine Tätigkeit in der Anwaltschaft tatsächlich beendet.

In dieser Phase habe ich den Anspruch losgelassen, ständig funktionieren zu müssen und keine Schwäche zeigen zu dürfen und mich erstmals intensiv mit mir selbst beschäftigt.

  1. Welche Erfahrungen außerhalb Ihres Berufs haben Ihr Verständnis von Führung, Verantwortung und Gerechtigkeit geprägt? Gab es in Ihrer Laufbahn einen Wendepunkt, der Ihre berufliche Ausrichtung nachhaltig beeinflusst hat?

Meine Eltern und vor allem das Mamasein haben mein Verständnis von Führung und Verantwortung geprägt: Entscheidungen treffen, Grenzen setzen, fair bleiben und gleichzeitig ermutigen — das ist die beste Schule.

Der Wendepunkt war die persönliche Krise im Zuge der Corona‑Infektion. Coaching hat mir damals geholfen, mich wieder zu stärken und herauszufinden, was ich (beruflich) wirklich möchte. Da diese Unterstützung für mich so wertvoll war, absolviere ich nun selbst eine Ausbildung zum systemischen Coach.

  1. Inwiefern hat die Emeritierung Ihren Blick auf die Arbeit, Leistung und Erfolg verändert? Gibt es Fähigkeiten oder Interessen, die erst jetzt Raum bekommen?

Nich die Emeritierung hat meinen Blick verändert, sondern die Erkenntnis, dass wir gar nichts (mehr) leisten können, wenn wir nicht gut auf uns selbst schauen.

Erst nach meiner Zeit in der Anwaltschaft habe ich meine Faszination für Persönlichkeitsentwicklung, mentale Stärke und Kommunikation entdeckt. Davor wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen, mich damit zu beschäftigen. Dabei liegt darin so viel – oft ungenutztes – Potenzial. Als Kommunikationstrainerin kann ich meine Fähigkeit, mich in andere hineinzuversetzen, Menschen zu motivieren und neue Blickwinkel zu eröffnen, endlich bewusst einsetzen.

  1. Zur beruflichen Neuerfindung: Welche Ziele verbinden Sie mit Ihrer neuen Rolle als Kommunikations- und Ausdruckstrainerin? Was hat Sie am stärksten an der Ausbildung angesprochen?

Mein Ziel ist, mehr Leichtigkeit in den juristischen Berufsalltag zu bringen, indem ich JuristInnen genau das weitergebe, was ich selbst als Berufsanfängerin gebraucht hätte: praxistaugliche Kommunikationstools, mentale Stärke und Austausch. Ich verstehe mich dabei als Trainerin, Mentorin und Sparringpartnerin.

In der Ausbildung hat mich besonders fasziniert, welch große Wirkung einfache, praxistaugliche Tools haben und wie gut sie sich im juristischen Alltag einsetzen lassen, etwa Rückfragen zu stellen oder kurze Pausen gezielt einzusetzen.  Gleichzeitig wurde mir bewusst, wie wichtig unsere innere Haltung, vorallem die Einstellung zu uns selbst, ist, denn die tragen wir über unsere Kommunikation nach außen, ob wir wollen oder nicht.

  1. Welche Fähigkeiten haben Sie im Lehrgang neu entdeckt, vielleicht sogar an sich selbst? Wo mussten Sie bewusst alte Denk- oder Handlungsmuster hinterfragen, um Neues zuzulassen?

Früher habe ich meine Empathie und Sensibilität eher als Schwäche gesehen. Im Lehrgang erkannte ich, dass genau diese Feinfühligkeit eine große Stärke in der Arbeit mit Menschen ist.

Ich habe die Fähigkeit entwickelt, an mich selbst zu glauben, mich zu schätzen und auf meine Stärken zu vertrauen und sie sichtbar zu machen. Dabei musste ich die Glaubenssätze, „ja nicht angeben“ und „bloß nicht auffallen“ hinterfragen. Heute weiß ich, zwischen Angeben und einem gesunden Bewusstsein für die eigenen Fähigkeiten ist ein großer Unterschied. Wenn wir uns selbst schätzen, tun es andere auch.

  1. Wie gehen Sie heute mit Unsicherheit und offenen Zukunftsfragen um? Was bedeutet „Erfolg“ für Sie heute im Vergleich zu früher?

Mit Unsicherheit gehe ich heute pragmatisch um: einfach mal machen und probieren! Ich vertraue darauf, dass Neues meistens gut wird – und wenn nicht, kann ich nachjustieren. Dieses Learning by Doing hat mir viel Druck genommen: ein Schritt nach dem anderen, ausprobieren, reflektieren, Feedback einholen, anpassen.

Erfolg bedeutet für mich nicht mehr Perfektion, sondern die Dinge umzusetzen, für die ich brenne — und sinnvoll zu wirken, für andere und für mich selbst.

  1. Wenn Sie heute auf Ihre Karriere zurückblicken, was erfüllt Sie rückblickend am meisten mit Stolz? Gibt es etwas, was Sie heute anders tun würden als zu Beginn Ihrer Karriere?

Ich bin stolz darauf, dass ich meine Arbeit immer mit vollem Einsatz gemacht habe und mir selbst treu geblieben bin. Ich habe Verantwortung übernommen, meine Meinung vertreten und meine Ziele konsequent verfolgt.  

Anders machen würde ich definitiv eines: an mir selbst arbeiten. Mentale Tools und Coaching hätten mir viel Energie gespart. Ich weiß inzwischen, wie sehr einfache Werkzeuge helfen, besser mit Druck, Selbstzweifeln und Erwartungen umzugehen.

  1. Wenn Sie Ihre Lebensphase derzeit in einem Satz beschreiben müssten, welcher wäre das?

Ich bin angekommen – ich verbinde meine Erfahrung mit einem Neuanfang und bin offen für alles, was sich daraus entwickelt.

  1. Welche Rolle wünschen Sie sich in Zukunft für sich selbst, aber auch im Austausch mit anderen Menschen? Welche Spuren möchten Sie mit Ihrer neuen Tätigkeit hinterlassen?

 Ich möchte JuristInnen dabei unterstützen, mehr Freude und Leichtigkeit in ihren Berufsalltag zu bringen. Selbstzweifel, Angst vor Fehlern oder fehlende Abgrenzung müssen nicht sein. Mir ist wichtig, Bewusstsein dafür zu schaffen, welches Potential in gelungener Kommunikation und mentaler Stärke steckt.  

Menschen sollen sich gesehen fühlen. Ich möchte Mut machen, offen über Belastungen, Zweifel und Herausforderungen zu sprechen – gerade in einer Branche, in der Stärke oft mit Härte verwechselt wird. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig es ist, über Herausforderungen zu sprechen und wie gut ein „Ich verstehe dich, mir geht es genauso“ tut.

Mein Wunsch an JuristInnen: Nutzt die Chance, euch Kommunikationstools anzueignen, mental zu arbeiten und euch auszutauschen. Kleine, einfache Schritte machen den Alltag leichter — und geben euch einen echten Vorsprung.

Wenn du dich in diesen Gedanken wiedererkennst und Lust hast, Kommunikation und mentale Stärke bewusst zu nutzen, vernetze dich gerne auf LinkedIn mit mir oder schaue auf meiner Homepage www.tanjanoebauer.at vorbei. Ich freue mich auf dich!

Portraitfoto Tanja

Tanja Nöbauer-Buchrucker

Mag. Tanja Nöbauer-Buchrucker, LL.M., ist ehemalige Rechtsanwältin. Nach ihrer Tätigkeit in der Anwaltschaft absolvierte sie einen Lehrgang zur diplomierten Kommunikations- und Ausdruckstrainerin und spezialisierte sich auf Kommunikation in der Anwaltschaft.

Heute ist sie Universitätslektorin, Kommunikations- und Ausdruckstrainerin, Mentorin und Sparringpartnerin für JuristInnen. In ihren Vorträgen, Workshops und Einzeltrainings verbindet sie ihre juristische Erfahrung mit praxistauglichen Kommunikations- und mentalen Tools – gezielt zugeschnitten auf die Anforderungen des juristischen Berufsalltags. Mehr zur Person unter www.tanjanoebauer.at