AT DE

§ 6 - Unternehmensjuristinnen im Portrait: Dr. Theresa Uhlenhut

Manchmal muss man die Komfortzone verlassen, um wirklich etwas zu bewegen. Unsere heutige Gesprächspartnerin Dr. Theresa Uhlenhut hat genau das getan: Sie hat ihre Anwaltskarriere hinter sich gelassen, um bei INNIO die Energiewende rechtlich zu begleiten. Sie teilt ihre Erfahrungen im Spannungsfeld zwischen traditioneller Kanzleiarbeit und der dynamischen Welt eines Technologieunternehmens.

Interviewzeitpunkt: Juli 2025

Als Lead Counsel bei INNIO sind Sie in einem sehr dynamischen Umfeld tätig. Können Sie uns einen Einblick geben, welche rechtlichen Herausforderungen in einem Technologieunternehmen wie INNIO besonders relevant sind und wie Sie diese täglich meistern?

Bei INNIO verfolgen wir entsprechend unserem Claim „moving energy forward“ das Ziel, die Energietransition aktiv mitzugestalten, insbesondere auf dem Weg zum Net Zero. Unser Anspruch ist es, unseren Kunden weltweit flexible, nachhaltige und resiliente Energielösungen zu bieten. Dieser Anspruch prägt nicht nur unsere Produkte, sondern auch unsere Unternehmenskultur.

Unser Legal Team in Jenbach ist global für den gesamten INNIO-Konzern zuständig. Wir beraten Kolleginnen und Kollegen aus allen Business Units weltweit. In meinem Verantwortungsbereich liegen aktuell die Bereiche Services, Procurement, Engineering sowie das gesamte Deutschlandgeschäft.

Als Juristinnen und Juristen stehen wir  vor der Herausforderung, die innovativen Ideen und technologischen Ansätze unserer Teams – etwa aus dem Engineering – nachzuvollziehen und mit den jeweils geltenden rechtlichen Rahmenbedingungen in Einklang zu bringen. Dabei ist es entscheidend, stets die aktuellen regulatorischen Entwicklungen im Blick zu behalten.

Vielleicht  wird das Legal Team auch einmal als „Bremse“ wahrgenommen – aber wie Ferdinand von Schirach einen Richter am Bundesgerichtshof treffend zitierte: „Was wäre denn ein Wagen ohne Bremsen wert?“ Genau so verstehen wir unsere Rolle – nicht als Hindernis, sondern als notwendige Instanz für nachhaltiges, verantwortungsvolles Handeln.

INNIO ist im Energiesektor tätig. Inwiefern unterscheidet sich die juristische Beratung in diesem speziellen Industriezweig von Ihren früheren Tätigkeiten in einer klassischen Anwaltskanzlei? Gibt es hier besondere regulatorische oder vertragsrechtliche Aspekte, die Sie besonders spannend finden?

Vor meinem Eintritt bei INNIO war ich in einer großen deutschen Wirtschaftskanzlei tätig und hatte dort einen Fokus auf Marken-, Wettbewerbsrecht und Commercial Law. Der Wechsel in die Unternehmenswelt ist für mich eine interessante Veränderung, denn die Rolle als Unternehmensjuristin ist generalistischer und gleichzeitig spezialisierter, als die Anwaltstätigkeit.

Generalistischer, weil unser Legal Team bei INNIO so organisiert ist, dass jede und jeder Lead Counsel für bestimmte Business Units zuständig ist – und damit als zentrale Ansprechperson für sämtliche rechtlichen Fragestellungen in diesen Bereichen fungiert, unabhängig vom konkreten Rechtsgebiet.

Gleichzeitig ist die Arbeit aber auch spezieller, da ich nun nur noch einen „Mandanten“ habe, den ich dafür umso besser kenne – mit all seinen strategischen Zielen, Abläufen und Herausforderungen. Dadurch entsteht eine ganz andere Tiefe in der Beratung und Zusammenarbeit.

Ein wichtiger Teil meiner Arbeit ist es, die für INNIO besonders relevanten rechtlichen Rahmenbedingungen im Blick zu behalten – beispielsweise aktuelle Entwicklungen auf EU-Ebene wie die neue Maschinenverordnung oder rechtliche Fragen rund um künstliche Intelligenz. In diesem Umfeld verändert sich gerade viel.

Der Übergang von einer externen Rechtsberatung zur Rolle als Inhouse-Juristin bringt sicher neue Perspektiven mit sich. Was hat Sie dazu bewogen, diesen Schritt zu gehen, und welche Vorteile sehen Sie darin?

Mein vorheriger Arbeitgeber war mein erster Arbeitgeber überhaupt. Ich habe schon als Referendarin für mein späteres Team gearbeitet und bin dann nach meinem zweiten Staatsexamen direkt als Anwältin eingestiegen. Mir hat die Arbeit in der Kanzlei stets viel Spaß gemacht. Ich hatte tolle Kollegen und spannende große Fälle. Einmal hatte ich sogar die Gelegenheit zusammen mit meinem damaligen Chef einen Fall vor dem EuG in Luxemburg zu verhandeln. Nach rund sieben Jahren hatte ich jedoch das Gefühl, dass es Zeit für eine Veränderung war. Mich hat der Perspektivwechsel gereizt: Inhouse zu arbeiten, Prozesse von innen kennenzulernen und ganz nah dran zu sein an den geschäftlichen Entscheidungen. Als externer Anwalt / externe Anwältin bekommt man oft nur einen Ausschnitt zu sehen – intern erschließt sich ein viel umfassenderes Bild. Diese neue Perspektive ist für mich sehr bereichernd.

Sie waren lange Zeit in einer Rechtsanwaltskanzlei tätig. Welche prägenden Erfahrungen und Lektionen nehmen Sie aus dieser Zeit mit, die Sie heute in Ihrer Rolle bei INNIO anwenden können?

Der Einstieg in eine Großkanzlei ist aus meiner Sicht ein sehr gutes Fundament für jeden nachfolgenden Karriereschritt. Als junger Associate ist man dort unheimlich gefordert und wird zugleich auf höchstem Niveau gefördert, das ist eine perfekte Kombination für den Start ins Berufsleben.

Ich verdanke meiner Tätigkeit dort eine exzellente juristische Ausbildung und eine enorme Stressresistenz.

Inwiefern spielt Künstliche Intelligenz eine Rolle in der juristischen Praxis bei INNIO, und wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung von KI im Rechtsbereich, speziell im Kontext eines global agierenden Unternehmens?

Künstliche Intelligenz ist längst Teil meines juristischen Alltags – sei es als erster Impulsgeber bei Recherchen zu fremden Jurisdiktionen oder als Unterstützung beim Dokumentenmanagement. Wir setzen auch bereits KI-basierte Vertragsmangement-Tools ein.

Meine Haltung zu KI ist ziemlich klar: Sie wird unsere Arbeit künftig noch stärker unterstützen – insbesondere bei repetitiven Aufgaben oder wenn es um erste Entwürfe geht, bei denen unsere juristische Expertise (noch) nicht in voller Tiefe gefragt ist. Kurz gesagt: KI wird uns entlasten, aber nicht ersetzen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass Juristinnen und Juristen auch in Zukunft unverzichtbar bleiben – außer natürlich, KI kann irgendwann ein Jurastudium absolvieren und beide Staatsexamina bestehen…

Über die spezifischen rechtlichen Herausforderungen hinaus, die Sie täglich meistern: Wie sieht Ihr typischer Arbeitsalltag als Lead Counsel bei INNIO konkret aus? Welche Art von juristischen Aufgaben dominieren Ihre Zeit, und gibt es dabei besondere Highlights oder auch wiederkehrende Herausforderungen, die Sie gerne teilen möchten?

Mein Arbeitsalltag ist schnelllebig und geprägt von einem engen Austausch mit den Teams aus dem Business, um eine fundierte und verlässliche Unterstützung in unternehmerisch-rechtlichen Angelegenheiten zu bieten. Zu meinen Hauptaufgaben zählen u.a. die Ausarbeitung und Verhandlung von Verträgen, Beantwortung von ad-hoc-Anfragen zu rechtlichen/regulatorischen Themen, oder die Unterstützung in Projektarbeit (z.B. M&A, interne Governance-Projekte). Etwa 50 % meiner Arbeit findet auf Englisch statt. Besonders interessant ist, dass aktuelle weltpolitische Entwicklungen, wie beispielsweise die US-Zollpolitik, unmittelbar Einfluss auf meine tägliche Arbeit haben. Diese dynamische Arbeitskultur erfordert, dass ich meine Arbeit häufig re-priorisiere, um die dringendsten und wichtigsten Themen stets im Fokus zu behalten.

Ich kann meinen Arbeitsalltag völlig flexibel und eigenverantwortlich gestalten. Drei Tage pro Woche arbeite ich im Headquarter, zwei Tage im Homeoffice. Diese Kombination ermöglicht mir den persönlichen Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen vor Ort und effizientes Arbeiten ohne Pendelzeiten. Nach ca. zehn Monaten INNIO kann ich sagen, dass es nie langweilig wird.

Abseits der fachlichen Themen: Was ist das Spannendste oder Überraschendste, das Sie bisher in Ihrer Rolle bei INNIO erlebt haben – sei es eine besondere Herausforderung oder ein unerwarteter Erfolg, der Ihnen in Erinnerung geblieben ist?

Ich bin erst seit zehn Monaten für INNIO tätig. In dieser Zeit habe ich u.a. an diversen internationalen Projekten und Verhandlungen teilgenommen und ein global ausgerolltes neues Vertragskonzept mitverantwortet. Vor allem habe ich in dieser Zeit viel über das Unternehmen und unsere Branche gelernt und neue Kollegen und Kolleginnen rund um den Globus kennengelernt. Ich bin gespannt, was vor mir liegt und freue mich schon darauf, die anstehenden neuen Herausforderungen anzugehen.

Neben den übergeordneten Unternehmenszielen, die Sie verfolgen, gibt es sicher auch persönliche Ziele, die Sie bei Ihrer täglichen Arbeit motivieren. Welche sind das für Sie, und wie spiegeln sich diese persönlichen Ambitionen in Ihrem juristischen Wirken wider?

In den vergangenen zehn Monaten habe ich viel über unsere Produkte, die Unternehmensstruktur und -strategie gelernt. Mein persönliches Ziel ist es, dieses Wissen weiter zu vertiefen und optimal mit meiner juristischen Expertise zu verbinden. Besonders wichtig ist mir dabei auch, eine vertrauensvolle und partnerschaftliche Beziehung zu meinen Kolleginnen und Kollegen im Business aufzubauen. Ich bin davon überzeugt, dass gemeinsame Erfolge dieses Fundament stärken und meine Arbeit noch wirkungsvoller machen.

Wie gelingt es Ihnen,  eine gute Work-Life-Balance zu finden und welche Strategien wenden Sie an, um sowohl beruflich erfolgreich als auch persönlich ausgeglichen zu sein?

Für mich ist Work-Life-Balance vor allem eine Frage der Perspektive. Ich übe meinen Beruf mit Leidenschaft aus und bin bereit, in besonderen Situationen die sprichwörtliche Extrameile zu gehen. Gleichzeitig bietet mir meine neuen Heimat Tirol stets einen guten Ausgleich zum Berufsalltag.

Mich hat der Perspektivwechsel gereizt: Inhouse zu arbeiten, Prozesse von innen kennenzulernen und ganz nah dran zu sein an den geschäftlichen Entscheidungen. Als externer Anwalt / externe Anwältin bekommt man oft nur einen Ausschnitt zu sehen – intern erschließt sich ein viel umfassenderes Bild.

Dr. Theresa Uhlenhut

Dr. Theresa Uhlenhut ist seit 2024 als Lead Counsel bei INNIO Jenbacher GmbH & Co. OG tätig. Zuvor arbeitete sie mehrere Jahre als Rechtsanwältin für eine internationale Wirtschaftskanzlei in München, spezialisiert auf gewerblichen Rechtsschutz, Wettbewerbsrecht sowie Commercial Law. Sie promovierte im Jahr 2015 an der Humboldt-Universität zu Berlin zum Thema „Panoramafreiheit und Eigentumsrecht“.