Juristische Karriere jenseits der Anwaltschaft: Stefanie Thuiner, General Counsel bei myflexbox, hat einen bewussten Weg in die Rechtsabteilung gewählt In unserem ersten Blogbeitrag dieser Reihe spricht sie darüber, wie sie eine Rechtsabteilung von Grund auf aufgebaut hat, warum Mut wichtiger ist als Perfektion und wie sie rechtliche Expertise mit unternehmerischem Denken verbindet.
Sie haben in renommierten Wirtschaftskanzleien begonnen und sind nun als General Counsel bei Myflexbox tätig. Was hat Sie zum Wechsel in das Unternehmen motiviert?
Nach meiner Zeit in einer renommierten Wirtschaftskanzlei und verschiedenen Inhouse-Positionen, unter anderem bei Red Bull, suchte ich eine Rolle, in der ich nicht nur rechtlich berate, sondern auch aktiv beim Aufbau eines jungen Unternehmens mitgestalte. myflexbox, ein Logistik-Scale-up, bot mir infolge des Einstieges eines neuen Investors die Möglichkeit, eine Rechtsabteilung von Grund auf aufzubauen. Diese Chance musste ich einfach wahrnehmen!
Was macht für Sie eine gute Unternehmensjuristin aus – jenseits von Fachwissen?
Eine gute Unternehmensjuristin versteht nicht nur das Gesetz, sondern auch das Geschäft. Es geht darum, Lösungen für das Unternehmen zu ermöglichen, Risiken zu managen und als Sparringspartnerin für das Management zu agieren.
Als General Counsel verantworten Sie alle rechtlichen Belange eines innovativen Unternehmens. Wie würden Sie Ihre Rolle in wenigen Worten beschreiben?
Bevor ich einen weiteren Juristen einstellen konnte, habe ich die Abteilung liebevoll als „One-Woman-Show“ bezeichnet. Meine Rolle in wenigen Worten zu beschreiben ist kaum möglich. Ich begleite rechtliche Fragestellungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette: im Unternehmen von strategischer Rechtsberatung über Vertragsverhandlungen bis hin zu Compliance-Themen – und das sowohl in Österreich als auch in Deutschland.
Welche Bedeutung hat Innovation in Ihrer juristischen Arbeit? Inwiefern beeinflusst die stetige Weiterentwicklung der Technologie Ihre juristische Arbeit?
Innovation ist in meiner Rolle kein Nice-to-have, sondern essenzieller Bestandteil des juristischen Alltags. Digitalisierungsthemen begegnen mir tagtäglich – sei es bei der Einführung und Evaluierung neuer Tools für die Rechtsabteilung oder bei komplexen rechtlichen Fragestellungen aus dem Business, die zunehmend technologiegetrieben sind.
Als Rechtsabteilung versuchen wir am Puls der Zeit zu bleiben. Wir verstehen uns als Mitgestalter:innen im digitalen Wandel. Wir haben beispielsweise eine Ticketing-Lösung etabliert, die es uns ermöglicht, Anfragen effizienter zu priorisieren, zu dokumentieren und transparent zu bearbeiten. Darüber hinaus evaluieren wir laufend neue KI-gestützte Anwendungen – etwa für Recherchen, Vertragserstellungen oder -prüfungen. Dabei ist uns wichtig, nicht jedem Trend blind zu folgen, sondern Technologien gezielt dort einzusetzen, wo sie echten Mehrwert schaffen.
Mit über einem Jahrzehnt Berufserfahrung: Was würden Sie heute Ihrem jüngeren Ich am Anfang der juristischen Laufbahn raten?
Ich würde meinem jüngeren Ich raten, mutiger zu sein – sich nicht hinter einem Perfektionsanspruch zu verstecken oder aus Angst vor Fehlern Chancen verstreichen zu lassen. Gerade in der juristischen Ausbildung wird uns oft vermittelt, dass Fehler gleichbedeutend mit Scheitern sind. Aber das stimmt nicht.
Wirkliches Wachstum entsteht dort, wo wir Dinge ausprobieren, Verantwortung übernehmen und über uns hinauswachsen, auch wenn nicht alles auf Anhieb gelingt. Perfektion ist kein Maßstab für Erfolg. Vielmehr geht es darum, authentisch zu bleiben, Haltung zu zeigen und den eigenen Weg zu gehen, selbst wenn dieser nicht geradlinig verläuft.
Welche persönlichen und fachlichen Entwicklungsmöglichkeiten bietet die Arbeit als Unternehmensjuristin?
Als Unternehmensjuristin bin ich nicht nur rechtliche Beraterin, sondern leiste einen aktiven Beitrag zum unternehmerischen Erfolg. Anders als externe Kanzleien, die meist Empfehlungen aussprechen, sind wir Teil des Geschehens. Mittendrin statt nur dabei!
Wir tragen Verantwortung, denken interdisziplinär und arbeiten auf Augenhöhe mit allen Abteilungen – von Sales über Marketing bis hin zu Finance oder Operations.
Diese Nähe zum Business eröffnet enorme Entwicklungsmöglichkeiten: fachlich, weil wir rechtliche Expertise laufend mit wirtschaftlichem Denken und Branchen-Know-how verbinden müssen.
Und persönlich, weil wir lernen, strategisch zu handeln, Prioritäten zu setzen und in komplexen, oft unvollkommenen Entscheidungssituationen pragmatische Lösungen zu entwickeln. Teamfähigkeit ist dabei enorm wichtig.
„Geht nicht, gibt’s nicht“ ist dabei kein leerer Leitsatz, sondern eine Haltung. Es geht darum, juristische Rahmen zu schaffen, in denen Innovation und Wachstum möglich wird, ohne den Blick für Risiken zu verlieren. Genau diese Balance macht die Rolle so spannend und herausfordernd zugleich.
Was inspiriert Sie am meisten an Ihrer Arbeit bei myflexbox – Technologie, Nachhaltigkeit oder etwas anderes vielleicht?
Beides – aber am meisten inspiriert mich der Teamspirit. Die vergangenen zwei Jahre waren nicht immer einfach – wie in jedem wachsenden Unternehmen gab es Herausforderungen, Umbrüche und intensive Phasen. Und doch: Meine Kolleg:innen haben nie den Mut, den Drive und vor allem nicht den Glauben an die gemeinsame Vision verloren.
Wie stellen Sie sich die Zukunft der Last-Mile-Logistik vor und welche rechtlichen Rahmenbedingungen sehen Sie als besonders wichtig für die Zukunft dieser Branche?
Ohne flächendeckende Haustürzustellung. Denn diese ist weder ökologisch noch ökonomisch langfristig tragfähig. Ich sehe die Zukunft der Last-Mile-Logistik in gebündelten, intelligenten Zustellkonzepten, etwa durch den verstärkten Einsatz von Paketstationen, Micro-Hubs und emissionsfreien Zustellmethoden.
Rechtlich braucht es dafür zukunftsorientierte Rahmenbedingungen: etwa eine klare Regulierung zur Nutzung des öffentlichen Raums oder Anreize für nachhaltige Logistik-Infrastruktur.
Welche Fähigkeiten und Kenntnisse haben Sie durch Ihre Arbeit bei Myflexbox weiterentwickelt, die Sie vielleicht vorher nicht erwartet hätten?
Ich habe mich in vielerlei Hinsicht weiterentwickelt – fachlich, strategisch, aber auch persönlich. Ich habe eine echte Leidenschaft dafür entwickelt, eng mit unseren Sales-Teams zusammenzuarbeiten. Es macht mir große Freude, juristische Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass sie den Vertrieb unterstützen – sei es bei der Gestaltung skalierbarer Vertragsmodelle oder bei strategischen Partnerverhandlungen.
Gleichzeitig bin ich im Bereich Risikomanagement deutlich gewachsen. In einem innovativen, dynamischen Umfeld wie bei myflexbox muss man Risiken nicht nur identifizieren, sondern sie im unternehmerischen Kontext bewerten und handhabbar machen.
Und ganz nebenbei habe ich gelernt, dass eine Rechtsabteilung auch mit einem Augenzwinkern arbeiten darf – etwa wenn es darum geht, Compliance mit kreativen Methoden wie Gamification ins Unternehmen zu tragen.
Was war bisher die größte Herausforderung als Unternehmensjuristin bei myflexbox?
Starkes Wachstum bedeutet immer auch Kapazitätsengpässe. Eine der größten Herausforderungen war es daher, den steigenden juristischen Anforderungen in einem schnell wachsenden Unternehmen gerecht zu werden – mit begrenzten personellen Ressourcen und parallel zum Aufbau der Rechtsabteilung.
Dabei ging es nicht nur darum, die Vielzahl an operativen Anfragen zu bewältigen, sondern gleichzeitig auch strategisch zu arbeiten: Prozesse zu strukturieren, Standards zu etablieren und ein modernes, effizientes Legal-Setup zu entwickeln, das skalierbar ist.
Und genau in dieser fordernden Phase habe ich nebenbei noch ein Buchprojekt gestartet – ein Herzensprojekt, das mir gezeigt hat, wie viel Energie entsteht, wenn man mit Leidenschaft bei der Sache ist. Schon seit Jahren hatte ich den Wunsch, ein Buch über die Arbeit in der Rechtsabteilung zu schreiben – praxisnah, ehrlich und mit einem modernen Blick auf die Rolle von Unternehmensjurist:innen. Ich bin stolz darauf, dass wir dieses Projekt parallel zum Aufbau der Legal-Abteilung erfolgreich abschließen konnten.
Mittlerweile ist das „Praxishandbuch Rechtsabteilung“ im Linde Verlag erschienen und ich hoffe, dass es für viele eine hilfreiche Orientierung und Inspiration bietet.
Wirkliches Wachstum entsteht dort, wo wir Dinge ausprobieren, Verantwortung übernehmen und über uns hinauswachsen, auch wenn nicht alles auf Anhieb gelingt. Perfektion ist kein Maßstab für Erfolg.
Stefanie Thuiner
Stefanie Thuiner hat langjährige Erfahrung als Unternehmensjuristin in nationalen und internationalen Unternehmen als auch in einer renommierten Wirtschaftskanzlei. Aktuell leitet sie die Rechtsabteilung eines Logistik-Scale-ups und erprobt fortlaufend innovative Methoden zur Professionalisierung des Rechtsabteilungsservices durch digitale Transformation und operative Exzellenz. Ihre Erfahrung stellt sie im Praxishandbuch Rechtsabteilung vor.
Für weitere Einblicke in die berufliche Laufbahn und Expertise, besuche ihr LinkedIn-Profil: Stefanie Thuiner | LinkedIn
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